Interview

Päpstliche Akademie der Wissenschaften

Wozu diese Akademie? Werner Arber weiss es. Er war Präsident der weltweit hochkarätigsten Wissenschaftsakademie – als Protestant.

forum: Herr Arber, wie sind Sie in die «Päpstliche Akademie der Wissenschaften» gekommen?
Werner Arber: Ich hatte 1978 den Nobelpreis erhalten. Drei Jahre später kriege ich plötzlich die Information, ich sei jetzt als Mitglied dieser Akademie gewählt, die ich vorher nicht kannte. Man hat mir dann erklärt, um was es sich handelt. [lacht]

Wie muss ich mir die Sitzungen der Akademie vorstellen?
Alle zwei Jahre findet eine Plenarsession von einigen Tagen statt. Unter dem Jahr haben wir circa drei Workshops zu verschiedenen Themenkreisen, die ebenfalls je einige Tage dauern. Das ist jeweils ein sehr intensiver Meinungsaustausch. Wir machen am Schluss eine Zusammenfassung in Buchform und Vorschläge an den Vatikan.

Werden Sie im Vatikan gehört?
Viele unserer Vorschläge finden Aufmerksamkeit. Es ist klar, nicht alle. Wir sind aber nicht traurig darüber. Diese Themen kann man vielleicht in ein paar Jahren wieder aufgreifen. Im Allgemeinen ist die Verbindung zwischen der Akademie und dem Vatikan sehr gut.

Die katholische Kirche wird gerne als wissenschaftsfeindlich dargestellt. Wie erleben Sie das?
Nein, das erlebe ich gar nicht so! Im Jahr 1994 hat der Vatikan zusätzlich zur naturwissenschaftlich ausgerichteten Akademie der Wissenschaften noch eine Akademie der Sozialwissenschaften gegründet. Wir organisieren seither hin und wieder gemeinsame Tagungen. Gerade was Sozialwissenschaften und Ethik betrifft, sind die Mitglieder der Akademie der Sozialwissenschaften sehr kompetent. Ich finde es sehr positiv, dass die Sitzungen so interdisziplinär abgehalten werden.

Sie waren von 2010 bis 2017 als erster reformierter Christ sogar Präsident der Akademie. Was bedeutete es für Sie als Protestant, an der päpstlichen Akademie zu arbeiten? War Ihre Konfessionszugehörigkeit je Diskussionspunkt?
Ich bin nicht der einzige Protestant. Es hat einige Nicht-Katholiken an der päpstlichen Akademie, auch einzelne Mitglieder aus anderen Kontinenten mit anderen religiösen Hintergründen. Für die Mitgliedschaft ist vor allem die wissenschaftliche Qualität wichtig, die zum Beispiel durch den Nobelpreis anerkannt wird. Etwa 30 Prozent der Mitglieder der Akademie sind Nobelpreisträger.

Werner Arber bei einer Papstaudienz 2018.

Werner Arber bei einer Papstaudienz 2018. Foto: Foto: Privatarchiv Werner Arber, zvg

Die «Päpstlichen Akademie der Wissenschaften» liegt mitten in den vatikanischen Gärten.

Die «Päpstlichen Akademie der Wissenschaften» liegt mitten in den vatikanischen Gärten. Foto: KNA-Bild

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Wie erleben Sie die katholische Kirche in der Akademie?
Ich habe natürlich erfahren, dass die Struktur der katholischen Kirche im Vatikan zentral geleitet ist – mit gewissen Ausnahmen. Das ist bei uns Protestanten nicht so. Wir haben in der Schweiz kantonale Kirchen. Was ich an der katholischen Kirche besonders schätze, ist, dass man sich dort Überlegungen zum Weltgeschehen macht. Ich habe mit grossem Interesse die Enzyklika «Laudato si’» von Papst Franziskus gelesen, der sehr viele Aspekte der Naturwissenschaften und der Technologie beschreibt. Ich bin mir sicher, dass die Aktivitäten unserer Akademie auf diese Enzyklika Einfluss genommen haben.

Gibt es Bereiche Ihrer Wissenschaft, in denen Sie nicht mit der Meinung des Vatikans übereinstimmen? Und wie gehen Sie damit um? Ich denke etwa an gentechnische Veränderung bei Pflanzen.
Eines ist mir klar: Der Papst muss aufpassen, dass er nicht Forderungen stellt, die im Moment nicht weltweit akzeptiert würden. Es hat mich gefreut zu sehen, dass in der Enzyklika «Laudato si’» genetisch manipulierte Organismen besprochen werden. Nicht mit grossen Details, aber doch in einer positiven Art und Weise.

Sie finden das unter den Punkten 131 bis 135 der Enzyklika. 2009 hatten wir an der päpstlichen Akademie eine Studienwoche zu diesem Thema. Verbesserte Nutzpflanzen können voraussichtlich Unterernährung und Hunger in den Entwicklungsländern eindämmen.

Unsere Akademie ist zu dem Schluss gekommen, dass die neuen Methoden der Gentechnik keine Gefahren bergen. Sie beinhalten nämlich Veränderungen, wie sie auch in der natürlichen biologischen Evolution vorkommen. 2012 habe ich an einer Bischofssynode im Vatikan eine Rede gehalten, in der ich das noch einmal betont habe. Ich glaube, dass Jesus Christus die Anwendung wissenschaftlicher Erkenntnisse zum Wohl der Menschen und der Umwelt begrüssen würde.

In der Enzyklika wird stellenweise über die Landwirtschaft geklagt, die den früheren Rahmen an vielen Teilen des Planeten verlassen hat und heute nicht mehr aus Kleinbauern besteht, sondern aus grossen Betrieben mit riesigen Traktoren, die spritzen und die biologische Vielfalt zerstören. Auch solche Fragen werden an der Akademie diskutiert.

Ist Ökologie häufig Thema?
Die Klimaerwärmung zum Beispiel haben wir mehrmals im Vatikan angesprochen – schon lange, bevor man allgemein darüber diskutiert hat. Wir haben einige Mitglieder, die in diesem Bereich kompetent sind und immer Bericht erstatten. Bereits 2014 hatten wir einen Workshop zu Nachhaltigkeit. 2016 befassten wir uns mit dem Einfluss von wissenschaftlicher Erkenntnis und Technologien auf Menschheit und Umwelt. 2017 gab es einen Workshop zur Gesundheit der Menschen und des Planeten und unserer Verantwortung dabei.

In den letzten Jahrzehnten haben wir an über 20 Sitzungen Themen der Ökologie diskutiert. Aus den Manuskripten der Beitragenden der Workshops erstellt die Akademie jeweils ein Buch. Diese Bücher kann sich jeder von der Webseite der «Päpstlichen Akademie der Wissenschaften» als PDF herunterladen.

Gerade bei solchen Themen wie Klima muss einem allerdings bewusst sein: Der Vatikan ist keine Organisation, die einfach von einem Jahr zum anderen etwas einführen kann, wenn sie von der Akademie hört, dass es in diesem Bereich Probleme gibt. Man muss da vorsichtig vorgehen und wachsam sein.

Hat die Arbeit in der Akademie Sie inspiriert?
Ich selbst habe an der Akademie viel dazu gelernt, besonders über die langfristige Entwicklung des Kosmos und des Lebens, die Entstehung der Menschheit und unserer Welt.

Mein Forschungsgebiet besteht darin, herauszufinden, wie heute in Lebewesen die Evolution funktioniert. Ich habe dazu an einzelnen Darmbakterien untersucht, wie genetische Veränderungen entstehen. Das ist fantastisch! Die Natur nimmt manchmal, ganz vorsichtig und langsam kleine Veränderungen im Erbgut von Lebewesen vor, die eine Anpassung an neue Bedingungen erlauben.

Diese genetischen Veränderungen sind die treibende Kraft der biologischen Evolution. Das Gleichgewicht von Stabilität und Wandel in der Natur ist für mich ein Wunder. Der Schluss war dann, und er ist es immer noch, dass die Evolution bei den Lebewesen Zeugnis einer permanenten Schöpfung ist. Sie ist Zeugnis des Schöpfergeistes in jedem Lebewesen.

Sie sehen also keinen grundlegenden Widespruch zwischen naturwissenschaftlicher Erkenntnis und Schöpfungsbericht?
Zusammen mit Kollegen der Akademie habe ich auch Artikel geschrieben, in denen wir fragen, wie sich die Menschen vor ein paar tausend Jahren die Evolution vorgestellt haben. Ich finde die Schöpfungsgeschichte in der Genesis fantastisch. Die Erzählung zeigt, dass sich die Menschen damals logisch überlegten, was zuerst kam. Wir Menschen können nicht da gewesen sein, bevor der Planet da war.

Die ersten Menschen mussten also etwas zu essen haben und so weiter. Genesis ist für mich Zeugnis einer wissenschaftlichen Weltanschauung vor einigen Jahrtausenden. Im Prinzip haben mich Diskussionen im Vatikan dazu gebracht, das Wort «permanente Schöpfung» zu gebrauchen.

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Leserbrief

Zum Kommentar zur Instruktion des Vatikans über die Pfarreien zwei Bemerkungen: Gemeindeleitung von Laien ist dort Realität, wo Laien die entsprechenden Fähigkeiten und die Priester eine Rolle haben, die ihren Fähigkeiten und Ansprüchen entspricht. Die entsprechenden Bezeichnungen sind gemessen an diesen Realitäten mehr als «blosse Augenwischerei» – zum Glück! Hingegen dort, wo Priester mit dem vom jeweiligen Bischof vorgesehenen kollegialen Leitungsmodell nicht zufrieden sind, weil sie kraft ihrer Weihe allein leiten wollen, kann sich die Instruktion als Druckmittel gegen den eigenen Bischof auswirken und ist daher leider mehr als ein «Papiertiger» – leider!

Es wäre dringend, das Kirchenrecht so zu reformieren, dass keine solchen Instruktionen mehr entstehen, weil die Bischofskonferenzen das Recht erhalten, gestützt auf synodale Prozesse – die das Volk Gottes an Entscheidungen beteiligen – solche Dinge so zu regeln, wie es die pastorale Situation vor Ort erfordert. Im besten Fall könnte das unüberhörbare Murren deutscher und schweizerischer Bischöfe über diese Instruktion dazu beitragen, dass der Ankündigung «heilsamer Dezentralisierung» durch Papst Franziskus Taten folgen. Es wäre höchste Zeit.

Daniel Kosch, Zürich

Text: Miriam Bastian,  freie Mitarbeiterin

Werner Arber ist seit 1981 Mitglied der «Päpstlichen Akademie der Wissenschaften». Er war von 2010 bis 2017 als erster Protestant Präsident der Akademie. Der geborene Aargauer studierte in Zürich an der ETH und wurde nach mehreren Stationen als Forscher Professor für molekulare Mikrobiologie am Biozentrum der Universität Basel. Für seine Entdeckung der Restriktionsenzyme und ihrer Anwendung, die entscheidend für die Gentechnikforschung und das Verständnis von Krankheiten war, wurde er 1978 mit dem Nobelpreis für Medizin ausgezeichnet.

Historische Notiz

1603 gründete der junge Botaniker Federico Cesi (1585–1630) die «Akademie der Luchsartigen». Mit dieser Akademie und ihren Mitgliedern wollte er Forschungsmethoden entwickeln, die auf Beobachtung, Experiment und Induktion beruhten. Die Akademiemitglieder sollten die Natur so scharf wie Luchse beobachten.

Führer der ersten naturwissenschaftlichen Akademie der Geschichte war ab 1610 Galileo Galilei. Nach dem Tod von Cesi wurde die Akademie 1630 allerdings aufgelöst und erst 1847 von Papst Pius IX. als «Päpstliche Akademie der neuen Luchsartigen» wiederhergestellt.

1936 erneuerte Pius XI. die Akademie und gab ihr ihren heutigen Namen. Die «Päpstliche Akademie der Wissenschaft» ist innerhalb des Vatikans unabhängig und geniesst Forschungsfreiheit. Neue Mitglieder werden von den bestehenden Mitgliedern gewählt und danach vom Papst ernannt.

1994 gründete Papst Johannes Paul II. die «Päpstliche Akademie der Sozialwissenschaften». Sie ist autonom, hat ihren Sitz aber am gleichen Ort wie die «Päpstliche Akademie der Wissenschaften». Gemeinsam pflegen die Akademien den interdisziplinären Austausch. Seit der Neugründung gehörten bislang insgesamt 79 Nobelpreisträger der Akademie an.

Aufgaben der Akademie

  • Fortschritt mathematischer, physikalischer und naturwissenschaftlicher Erkenntnis fördern
  • internationale Zusammenarbeit anregen
  • dazu beitragen, dass eine möglichst grosse Zahl von Menschen an technologischen und wissenschaftlichen Errungenschaften Anteil hat
  • dazu beitragen, dass Wissenschaft dem Menschen dient, Gerechtigkeit, Solidarität und Frieden fördert
  • Dialog zwischen Wissenschaft und religiösen Werten
  • Empfehlungen zu wissenschaftlichen und technologischen Angelegenheiten herausgeben
  • die Wissenschaftsgemeinschaft an ihre ethische und ökologische Verantwortung erinnern