Editorial

Papiertiger

Eine neue Instruktion des Vatikans wird genau das nicht leisten können, was sie im Titel verspricht: Eine «pastorale Umkehr» einzuleiten.

Das Papier ist Ausdruck grosser Hilflosigkeit und erinnert an Plakate mit Verhaltensregeln in Familien und Schulen. Auch diese zeugen vor allem davon, dass man mit seinem pädagogischen Latein am Ende ist. Also hängt man Plakate auf, an denen alle gezielt vorbeischauen können.

In der Instruktion der Kongregation für den Klerus wird einmal mehr betont, was im Kirchenrecht nie anders gegolten hat, dass nämlich nur ein Priester eine Pfarrei leiten kann. Auch wenn wir in der Schweiz von Gemeindeleitern und Gemeindeleiterinnen sprechen, so wissen die kirchlichen Insider doch ganz genau, dass diese Bezeichnungen letztlich Augenwischerei sind. Sie klingen besser, als es die harte kirchenrechtliche Realität zulässt.

Die Instruktion kommt mir deshalb vor wie eine Instruktion für eine Anweisung für einen Erlass für eine Norm für ein Gesetz. Kurz: Viel Schaumschlägerei für längst Bekanntes. Hilflose Machtpose statt überzeugende Argumente. Verwaltungstechnischer Papierkram statt geistvolle Vision.

Die pastorale Realität, die hält sich ohnehin schon lange nicht mehr an jenes Kirchenmodell, das bereits bei der Gründung der Kongregation für den Klerus angestaubt war. Die Instruktion ist ein Papiertiger, weil sie sich gar nicht umsetzen lässt.

Und so werden die Bischöfe einmal mehr emsig an der Begrifflichkeit rumschrauben, damit die kirchlichen Strukturen nochmals ein paar Kilometer durchhalten. Sie werden sich weiter durchmogeln, damit niemand hinstehen und etwas kirchenrechtlich wirklich Verbotenes tun muss. Und so wird sich wieder nichts bewegen. Nur eines ist so sicher wie das Amen in der Kirche: In ein paar Jahren werden wir eine neue Instruktion erhalten, die dann direkt von der Veröffentlichung zu den Akten wandert.

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Leserbriefe

«Augenwischerei, Schaumschlägerei, Machtpose, Papierkram ...» So spricht unsere so genannte «Basis» hohnlächelnd über das eigene Lehramt zu den Katholiken. Und wundert sich noch, dass die Gläubigen reihenweise das Weite suchen. Bald könnte man annehmen, die katholische Kirche wäre ein Selbstverwirklichungsverein zur Befriedigung diesseitiger Bedürfnisse einiger weniger. Dabei sollte sie allen Menschen den versprochenen Frieden, Eintracht und Wohlergehen bringen und vor allem wäre sie für die Sicherstellung des ewigen Seelenheils von Millionen Menschen verantwortlich. Lesen Sie die kirchlich anerkannte grosse Botschaft von La Salette! Dort wird erklärt, wie unsere Zukunft, die bereits begonnen hat, aussehen könnte. Keineswegs gemütlich!

Marlis Steiner, per Mail


 

Das neue Dekret von Papst Franziskus entspricht genau dem Tenor des erzkonservativen Teils des Klerus und zeigt, dass Rom bewusst den prekären Zustand in vielen Kirchgemeinden in Kauf nimmt, um dem Klerus die Oberhoheit über die Laien zu sichern. Viele, seit Jahren priesterlose Pfarreien sind für die Feier der Eucharistie auf Aushilfspriester angewiesen. Sehr oft sind diese aber im fortgeschrittenen Pensionsalter und wollen oder können gar nicht mehr predigen. Diese Aufgabe übernehmen dann Gemeindeleiterinnen oder Pastoralassistenten mit Überzeugung, sehr viel Engagement und zur vollen Zufriedenheit der grossen Mehrheit der Kirchgänger. Das neue Dekret wird die Kluft zwischen der Kirchenleitung und jenem grossen Teil der Kirchenbasis, der sich für zeitgerechte Reformen einsetzt, deshalb noch vertiefen und weitere Kirchenaustritte zur Folge haben.

Edwin Wirz, per Mail

Text: Thomas Binotto