Im Züripiet dihei

«Es gibt das Dahinter»

Als neuer Präsident will sich Kunsthistoriker Christoph Eggenberger dafür einsetzen, dass das kleine «Theater 58» weiterhin spirituelle und existenzielle Stücke auf die Bühne bringen kann.

Christoph Eggenberger arbeitete als Reformierter in der Vatikanischen Bibliothek, als Denkmalpfleger in St.Gallen und als Leiter der Handschriftenabteilung der Zentralbibliothek in Zürich – um nur einige der Stationen seines beruflichen Werdeganges zu erwähnen. Nun ist der in Zollikon ansässige Basler seit März Präsident vom «Verein zur Förderung des Theater 58» und startete sein neues Engagement mitten in der Corona-Zeit. «Zuerst wurden natürlich alle Auftritte abgesagt», erzählt er. «Da wir ein kleines Theater sind, könnten wir aber inzwischen gut mit einem Schutzkonzept spielen.»

Aber noch seien nicht viele Termine fix. Eingeladen würden sie von katholischen und reformierten Kirchgemeinden, Kulturkommissionen und Schulen und diese müssten sich nun zuerst wieder zurechtfinden, meint Eggenberger. «Wie soll man mit Abstand Theater spielen, ohne sich zu berühren? Da sind ganz neue Ideen gefragt, die wir kreativ umsetzen.»

Finanziell sei die Situation eines kleinen Theaters mit dem erklärten Ziel, spirituelle Stücke aufzuführen, sowieso schwierig, erklärt Eggenberger sein Engagement als neuer Präsident. «Und jetzt mit Corona wurde alles noch schwieriger.» Hier will er sich vor allem einsetzen: Über seine vielfältigen Kontakte hofft er, neue Sponsoren zu finden, und er wird sich in die Bürokratie der Gesuchstellung einarbeiten. Er ist dankbar, dass die Katholische Kirche im Kanton Zürich wie auch Katholisch Stadt Zürich das kleine Theater jeweils mit Projektbeiträgen unterstützen.

«Das Theater 58 ist einzigartig in der Theaterlandschaft der Schweiz. Es sieht sich als Gegenkraft zur heutigen Orientierungs- und Hoffnungslosigkeit. In Deutschland und Frankreich gibt es noch eher eine Szene für diese Art Theater.» Umso mehr will er sich für dessen Erhalt hier bei uns einsetzen. Gerade die Kirchen möchte er noch mehr mobilisieren, da diese mit den Stücken des Theater 58 auch ein sonst kirchenfernes Publikum ansprechen können.

Eggenbergers Leidenschaft sind mittelalterliche Handschriften, bei denen er vor allem auf das Bild spezialisiert ist. «Bilder erzählen immer mehr als der Text. Sie führen in das ‹Dahinter›, das, was zwischen den Zeilen zu entdecken ist», sagt er. Genau das begeistert ihn auch am «Theater 58». Die Bühnenstücke mit kleiner Besetzung und wenigen, aber effektiven Bühnenbildern führten immer in ein «Dahinter», seien spirituelles und existenzielles Theater im besten Sinne.

«Und trotzdem haben sie, wie im aktuellen Stück ‹Oskar› von Eric Emmanuel Schmitt, Leichtigkeit und Humor», betont er, «aktuell auch in der heutigen Krisenzeit: Das Stück dreht sich um die Frage nach dem Umgang mit dem Tod.»

Handschriften beschäftigen Eggenberger nicht nur theoretisch, sondern auch ganz praktisch: In der reformierten Kirchgemeinde Zollikon, zu der er gehört, schreibt er ehrenamtlich die Kirchenbücher nach – von Hand. «Als die Reformierte Synode des Kantons Zürich die Digitalisierung ihrer Daten beschloss, fragte ich, was mit den historisch wichtigen Kirchenbüchern geschehe. Die Antwort war grosses Schweigen. So entschloss ich mich, wenigstens in meiner Kirchgemeinde die Bücher von Hand weiterzuführen. Zu Beginn musste ich das Schönschreiben richtig üben!»

Auch die Schweizer Bilderchroniken aus der Zeit um 1500, mit denen er sich beschäftigt hatte, wurden von Hand geschrieben und gemalt – «obwohl damals der Buchdruck schon erfunden war», betont er. Nun ist er daran, für die bevorstehende Ausstellung dieser Chroniken in der Zentralbibliothek Zürich die Rede für die Vernissage vorzubereiten.

Seine Lehrbefähigung als Privatdozent, später Titularprofessor an der Universität Zürich hat er mit seiner Habilitation zum Goldenen Psalter der Stiftsbibliothek St.Gallen erlangt. Dabei hat er sich auch in die mittelalterliche Mystik vertieft und findet auch da Parallelen zum «Theater 58». Silja Walter, die bedeutende Schriftstellerin und Nonne, hat sechs viel beachtete Stücke dem Theater 58 auf den Leib geschrieben. «Silja Walter war eine Mystikerin», sagt Eggenberger. Sie habe sich nicht nur voll und ganz in ihre Themen vertieft, sondern sei darin eingetaucht, und habe dann das Erlebte notiert.

«Ähnlich wie Elsbeth von Oye, eine Schweizer Mystikerin des späten 13. Jahrhunderts aus dem Kloster Oetenbach in Zürich», sagt er. «Sie hatte Visionen, auch sie war erfüllt von dem, was sie innerlich gesehen hat, und hat dies in ihrem Gebetsbuch festgehalten.» Während mittelalterliche Mystiker oft das Leiden Christi betrachtet hätten, vertieft sich Silja Walter in die Auferstehung. «Sie lebte das selber auch. Das kann man nur durch Mystik erklären.» Angetan ist er vor allem von dieser Aussage der Nonne vom Kloster Fahr: «Es gibt das Dahinter. Man lebt aber nur vorne und weiss es nicht. Aber es gibt das Dahinter, hinter der Wirklichkeit, hinter der Welt.» Dies sei ein verrückter Text, findet Eggenberger. «Wir sind doch eine sehr diesseitige oder vordergründige Gesellschaft. Aber es gibt noch etwas Anderes. Die meisten Leute ahnen oder spüren das. Silja Walter setzt das in bildhafte Texte um, die zeitlos sind. Es gibt kaum andere Stücke, die auch das Publikum von heute im Innern so stark berühren können.»

Und er schmunzelt: «Heute Morgen im Bus dachte ich: Der Maskenball hat begonnen, all die Menschen mit Masken ... Und ich habe mir überlegt: Was ist wohl da das Dahinter?»

Text: Beatrix Ledergerber

Angebot laufend

Nächste Aufführungen:

Oskar und die Dame in Rosa, von Eric-Emmanuel Schmitt:

Fr, 4.9., 20.00, Zentrum Brüelmatt, Birmensdorf.
Anmeldung: +41 44 737 13 40

www.kath-birmensdorf.ch

Do, 29.10., 20.00, Kath. Pfarreizentrum, Kilchberg.
Anmeldung: +41 44 716 10 90

www.st-elisabeth-kilchberg.ch