Gleichnisse aktuell

Klug und töricht

Im Gleichnis begegnen uns einige Ärgernisse: Unpünktlichkeit, mangelnde Hilfsbereitschaft und Ausgrenzung.

Diese Häufung von befremdlichen Motiven lässt vermuten, dass Absicht dahintersteckt. Es ist hilfreich, das damalige Leben zu betrachten und das Gleichnis auf der spirituellen Ebene zu deuten.

Dass sich die Ankunft des Bräutigams verzögerte, lag meist daran, dass er zuvor im Haus der Braut den Brautpreis aushandelte, quasi die Abfindung für den Verlust der Tochter. Wenn sich das in die Länge zog, sagte es Positives über die Frau aus, denn ihre Familie hing an ihr und liess sie ungern gehen. Allerdings war es üblich, dass wegen solcher Verzögerungen ein jüdisches Hochzeitshaus die ganze Nacht für Gäste offenstand. Diese Tatsache hat Jesus im Gleichnis wohl bewusst verfremdet.

Doch warum sind die klugen Brautjungfern so egoistisch und teilen ihr Öl nicht mit denen, die keine Reserve dabeihaben? Das wäre schlimm, wenn es beim Öl um etwas Materielles gehen würde, wie Essen mit Hungrigen zu teilen. Das Öl könnte man aber auch geistlich als Bild für die Glaubenspraxis des einzelnen sehen. Uns wird hier die Frage gestellt, wie sehr wir den Kontakt zu Gott suchen. Die eigene Spiritualität liegt nur in uns selbst. Wir können sie nicht untereinander aufteilen, wie Lampenöl.

Im Gleichnis lässt sich Jesus als Bräutigam ansehen, auf dessen Ankunft gewartet wird. Das muss nicht ausschliesslich auf das Jenseits bezogen sein. Es kann auch so gedeutet werden, dass es schon jetzt darum geht, wie sehr jeden Tag Sehnsucht nach Gott da ist.

Ausserdem hilft es mir bei schwierigen Bibeltexten, wenn ich sie tiefenpsychologisch deute: Die beiden Frauengruppen sind dann Anteile meiner eigenen Persönlichkeit. Ich kenne es auch von mir selbst, dass ich mich wenig auf Gott vorbereite und im Alltag wenig bete. Aber dann gibt es auch die «Hoch»zeiten im Leben, wenn ich achtsam und gegenwärtig für mich, für andere und für Gott bin. Die verschlossene Tür muss dann keine Strafe Gottes sein, sondern zeigt mir, dass ich mich selbst durch Oberflächlichkeit von der Kraftquelle trenne. Doch immer darf ich darauf vertrauen, dass Gott mit mir zusammen meine Lampen wieder anzünden wird.

Text: Michaele Madu, Pastoralassistentin Katholische Pfarrei Volketswil