Editorial

Libanon in der Krise

Die verheerende Explosion vom 4. August reisst den Libanon in den Abgrund – und rückt die gesellschaftspolitisch und religiös explosive Lage dieses kleinen Landes ins Bewusstsein. 

Eigentlich wäre der Libanon ein Vorbild: 6 muslimische und zwölf christliche Konfessionen leben zusammen. Eine ausgeklügelte Proporzdemokratie beteiligt alle an der Regierung und brachte dem seit 1943 unabhängigen Staat auch Stabilität. Man sprach vom Libanon als der Schweiz im Nahen Osten.

Nach dem Bürgerkrieg wurde 1989 das System leicht angepasst. Seither muss der Staatspräsident Christ, der Premierminister Sunnit und der Parlamentspräsident Schiit sein. Warum funktioniert es nicht mehr? Weil die politischen Parteien – die den Religions- und Konfessionsgruppen entsprechen – heute von Familienclans geleitet werden, die korrupt nur an ihre Macht denken.

«Die Definition eines neuen Gesellschaftsvertrags braucht einen tiefgreifenden und vernunftgeleiteten Dialog, der nur in einer ruhigen Atmosphäre geführt werden kann», schreibt Michel Touma von der libanesischen Tageszeitung «L’Orient-Le Jour» am 11. August. «Dieser muss die komplexen gesellschaftlichen Realitäten berücksichtigen, die seit Jahrhunderten tief im libanesischen Sozialgefüge verwurzelt sind.»

Zu einem solchen Dialog fähige Menschen habe ich 2016 in Beirut kennen gelernt. Ibrahim Chamseddine erzieht in seiner «Association for Charity & Culture» junge Menschen zu Dialog und Friedensengagement. «Die arabischen Christen sind Haut von meiner Haut», sagte er. «Sie sind meine Freunde, Teil meines Volkes.» Er und Scheich Mohammed Al Noukkari haben zusammen mit libanesischen Jesuiten ein kleines Wunder bewirkt: Der 25. März, das Fest von Mariä Verkündigung, wurde durch ihre Intervention zu einem libanesischen Staatsfeiertag. Denn Maria ist Christen wie Muslimen heilig.

Nun braucht es ein grosses Wunder. Dass alle Menschen des Libanon zu einem neuen Zusammenleben finden. Und die Weltgemeinschaft dieses gebeutelte Land nicht vergisst.

Beatrix Ledergerber

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Leserbrief

Eine kleine Korrektur zum Libanon: Sie schreiben, dass seit dem Bürgerkrieg 1989 der Staatspräsident Christ, der Premierminister Sunnit und der Parlamentspräsident Schiit sein muss.

Das System ist jedoch älter. Diese Aufteilung wurde im Nationalpakt von 1943 in Erwartung der Unabhängigkeit festgelegt: Dort wurde auch entschieden, dass alle öffentlichen Ämter im Verhältnis 6:5 zwischen Christen und Muslimen aufgeteilt werden sollen.

Die Bestimmung der drei grössten Konfessionen (Millets) ging auf die Volkszählung von 1932 unter französischem Mandat zurück, die in den folgenden Jahrzehnten (!) offiziell so weitergeführt wurde, dass diese Prozentzahlen stabil blieben. Doch die Realität war eine andere: Der Prozentsatz der christlichen Maroniten nahm ab, vor allem durch die Auswanderungen. Das Gegenteil war der Fall bei den Schiiten, sie bildeten den ärmsten Teil der Bevölkerung, und ihre Kinderzahl wuchs. Diese offiziellen Zahlen waren also ziemlich weit von der Wirklichkeit entfernt. Heute kann man davon ausgehen, dass die Schiiten den grössten Millet bilden, gefolgt von den Sunniten und den Maroniten. Wichtig ist auch festzuhalten, dass der Staatspräsident Maronit sein muss, nicht einfach ein Christ. Die Gegensätze unter den Christen wie auch unter den Muslimen sind oft grösser als die zwischen Muslimen und Christen.

Dem Schlusswort des Editorials ist nichts beizufügen: Nun braucht es ein grosses Wunder.

Felix Ziegler, Regensdorf

Text: Beatrix Ledergerber