Schlusstakt

Mein Outing

«Ich missioniere nicht für die katholische Kirche.» – Das antworte ich jeweils, wenn ich nach meinem Selbstverständnis als Pfarrblattredaktor gefragt werde.

So wie sich die katholische Kirche derzeit im Grossen und Ganzen präsentiert, ernte ich dafür selten Widerspruch. Und doch steckt in meiner Antwort ziemlich viel Selbstverleugnung.

Beginnt man nämlich mit mir über Filme zu diskutieren, setzt man sich einem kaum zu stoppendem missionarischem Sperrfeuer aus. Dann weiss ich genau, wo der Weg lang geht. Wenn ich also den abgeklärten Kirchenjournalisten ohne missionarischen Eifer gebe, dann bedeutet das noch lange nicht, dass kein Missionar in mir steckt.

Genau betrachtet missioniere ich an jeder sich bietenden Strassenecke. Für das Schwimmen im Rhein; für britische Krimiserien, für Tim und Struppi, Verzicht aufs Fliegen, Roger Federer, selbstgemachte Konfitüren, Peter Gabriel, tragikomische Filme, Dickie Dick Dickens, Gilbert Keith Chesterton, die Computer mit dem Apfel und das Mittelalter.

In meinen guten Momenten kommt das mit Charme als beschwingte Schwärmerei rüber. Ich kann aber auch ins ziemlich Penetrante kippen, so dass dem Objekt meiner Missionage nur Kapitulation oder Flucht bleibt.

Ich bin also doch Missionar. Und dann noch einer der unbändigen Sorte, der kein Halten kennt, wenn ihn etwas begeistert. Selbst wenn es um meinen Glauben geht, ist mein Eifer manchmal kaum zu stoppen. Dann missioniere ich wild drauf los für romanische Kirchen, Meister Eckhart, für all die widerspenstigen Frauen und Männer im Heiligenkalender, für kirchliche Traditionen, mit denen man Traditionalisten auf die Palme treiben kann, für provokative biblische Gleichnisse, für die psychologische Genialität der Sakramente, für Paradoxien, für den römisch-katholischen Schlendrian.

Bereits als Kleinkind habe ich jeweils mit dem Ausruf «Ich habe eine Idee erfunden!» meine Mutter verbal überrannt. Und in meiner Jugendzeit war die einzige Ruhe vor meiner Bugwelle der Schlaf – und manchmal nicht einmal der, weil ich selbst im Traum weiter auf meine Lieben eingeredet habe.

Viel hat sich daran im Laufe der Jahrzehnte nicht geändert. Deshalb ist es für mein Outing höchste Zeit: Ich bin ein Missionar durch und durch. Ich hoffe allerdings, es gelinge mir, mit Charme, Offenheit und Selbstironie zu missionieren. Als Influencer für die schönen und guten Dinge des Lebens. Und ich hoffe, das gelinge euch genauso, ihr meine lieben Mitmissionarinnen und Mitmissionare.

Text: Thomas Binotto