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«Spirituelle Fluglehrer»

Kolumban und seine Gefährten seien Sinngeber gewesen, sagt Cornal Dora, Stiftsbibliothekar in St. Gallen und Vizepräsident der IG Kolumbansweg.

forum: Was zeichnete denn das irische Mönchtum des Frühmittelalters aus?

Ernsthaftigkeit, Spiritualität, aber auch etwas Fremdes. Die Ideen des Christentums hatten Irland im 4. und 5. Jh. Frieden gebracht und die Grundlage zu einer einmaligen, religiös geprägten Blüte gelegt. Ihre Hauptträger waren die Klöster und Mönche. Sie waren gelehrt, leidenschaftliche Christen und trugen die Haare wie Druiden.

Warum fielen die missionarischen Bemühungen von Kolumban in Europa auf solch fruchtbaren Boden?

Vom 4. bis 6. Jahrhundert wurde das europäische Festland von dem Zerfall Roms und blutigen Wanderungsbewegungen erschüttert. Tod, Zerstörung, und existenzielle Unsicherheit waren überall. In diese Situation brachten die Iren den Glauben an eine bessere Welt und an die Erlösung von allem Bösen. Kolumban, Gallus und ihre Gefährten waren also Sinngeber. Sie waren spirituelle Fluglehrer und strahlten in die Herzen der Menschen.

Was fasziniert an Kolumban heute noch? 

Kolumban war ein gelehrter und charismatischer Anführer, beseelt von seinen Ideen, manchmal unerbittlich, aber auch kreativ und humorvoll. In einem Schreiben an den Papst nannte er sich selbst einen «seltenen Vogel». Er gehörte zu den Ersten, die an ein neues, christliches Europa glaubten.

Was verbindet Sie aus beruflicher Sicht mit Kolumban und seinen irischen Mitbrüdern? 

 Unsere wunderbare Bibliothek ist der wichtigste Erinnerungsort für die irische Hochblüte vom 6. bis 9. Jahrhundert, durch Erzählungen, Handschriften, Texte und Dokumente. Sie zeigen uns: Ohne Gallus und den spirituellen Schatz, den er mit sich brachte, wären hier weder ein Kloster noch eine Stadt gebaut worden. 

Ohne Irland gäbe es kein St. Gallen. Von den Iren haben wir gelernt, dass die Seele fliegen kann.

Text: Pia Stadler