Die Bischofswahl aus kirchengeschichtlicher Sicht

Bischofswahl durch Klerus und Volk

Ein Vorschlag mit drei Kandidaten aus Rom, von denen zwei im Grunde nicht wählbar sind und der dritte für das Bistum eigentlich auch ungeeignet.

Aus dieser Dreierliste darf das Domkapitel dann in freier und geheimer Wahl den neuen Bischof wählen und muss noch dankbar sein, dass es überhaupt wählen darf. Denn überall auf der Welt mit Ausnahme Deutschlands und einiger Bistümer in Österreich und der Schweiz ernennt der Papst die Bischöfe frei, wie es im geltenden katholischen Kirchenrecht von 1983 heisst. Rom gewährt dem Churer Domkapitel also ein Privileg, eine besondere Gnade, indem der Papst auf sein genuines Recht verzichtet – so kann man immer wieder lesen. Historisch gesehen ist es jedoch genau anders herum.

Dass der Papst die Bischöfe frei ernennt, ist eine relativ neue Erfindung. Gerade einmal hundert Jahre alt. Erstmals als weltkirchlicher Anspruch formuliert im «Codex Iuris Canonici», dem ersten gesamtkirchlichen Gesetzbuch von 1917. Damit wurden die Dogmen des Ersten Vatikanischen Konzils umgesetzt, das den Papst 1870 für unfehlbar erklärte und ihm den unbeschränkten rechtlichen Primat über die ganze Kirche zusprach. Dabei wird gerne so getan, als ob das immer schon so gewesen sei, als ob Jesus Christus selbst dem Papst das Recht zur Ernennung der Bischöfe verliehen hätte.

Die Praxis in der alten Kirche war aber eine ganz andere. Die Wahl der Bischöfe erfolgte von unten, durch das Volk. Zunächst gab es den einen Bischof auch überhaupt nicht. Vielmehr leitete ein Team die Gemeinden. Und als sich der Monepiskopat (ein Bischof für eine Diözese) durchgesetzt hatte, galt für die Bischofswahl der Grundsatz: «Wer allen vorstehen soll, der muss auch von allen gewählt werden» – wie es Papst Leo der Grosse im fünften Jahrhundert treffend formulierte. Niemand darf einer Gemeinde als Bischof aufgezwungen werden und «zum Bischof nur geweiht werden, wer vom ganzen Volk gewählt worden ist», hob auch Hippolyt von Rom schon im Jahr 215 hervor.

Zum Votum der Gemeinde kam als zweite Bedingung einer gültigen Bischofswahl bald die Zustimmung des Klerus, angefangen von den Priestern über die Diakone bis hin zu den Subdiakonen. Als die Gemeinden zu gross wurden und Diözesen im heutigen Sinn entstanden, brauchte man mehr oder weniger repräsentative Gremien, in denen Klerus und Volk den Bischof wählten. Die Domkapitel als Organ des Diözesanklerus bildeten sich heraus. Die Akklamation der Gläubigen, wenn ihnen der Gewählte vorgestellt wurde, blieb aber konstitutiv.

Als dritte Bedingung kristallisierte sich die Mitwirkung des Erzbischofs als Vorsteher einer Kirchenprovinz und der übrigen Nachbarbischöfe heraus, die den neuen Bischof auch zu weihen hatten. So sollten sektiererische Abspaltungen verhindert und der Zusammenhalt der einzelnen Ortskirchen gestärkt werden.

Als viertes Element trat die Mitwirkung der weltlichen Obrigkeit hinzu, die manchmal sogar so weit ging, dass Kaiser und Könige die Bischöfe einfach einsetzten. Im Grunde ging es aber darum, ein gedeihliches Miteinander von weltlicher und geistlicher Gewalt zu garantieren. Erst nach und nach entwickelte sich als fünfte Bedingung die päpstliche Bestätigung des erwählten Bischofs. Dadurch sollte die Einheit der katholischen Kirche zum Ausdruck gebracht werden.

Alle diese Bedingungen hatten ihre Berechtigung – und haben sie bis heute. Ohne die Wahl durch das Volk sollte niemand Bischof werden können; ohne Zustimmung des Klerus sollte niemand als Bischof eingesetzt werden; ohne die Akzeptanz durch den Metropoliten und die Nachbarbischöfe sollte niemand die Bischofsweihe erhalten; ohne den kritischen Blick auf die politischen und gesellschaftlichen Umstände kann niemand sein Bischofsamt gedeihlich ausüben; und ohne Bestätigung durch den Papst kann kein Bischof sein Amt in der Einheit der Weltkirche ausüben.

Text: Hubert Wolf, Professor für Kirchengeschichte an der Universität Münster

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Hubert Wolf (*1959) ist einer der renommiertesten Kirchenhistoriker der Gegenwart. Dem Leibniz-Preisträger von 2003 gelingt es auf herausragende Weise, Kirchengeschichte interdisziplinär zu vernetzen – und zwar innerhalb der Theologie wie in der gesamten Geisteswissenschaft. Seit 1999 ist Hubert Wolf Professor für Kirchengeschichte an der Wilhelms-Universität im westfälischen Münster. Mit seinen Publikationen gelingt es ihm immer wieder, über den universitären Diskurs hinaus ein breites Publikum anzusprechen.

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Die Bischofswahlaus kirchenrechtlicher Sicht:

Ein Bischof des Volkes – von Anfang an

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Der Ablauf einer Bischofswahl im Bistum Chur:

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«Bischof gesucht»