Die Bischofswahl aus kirchenrechtlicher Sicht

Ein Bischof des Volkes – von Anfang an

Auf allen Ebenen der Kirche wird darüber geklagt, dass es zu wenig bis gar keine adäquate Mitwirkung des Gottesvolkes an den entscheidenden Vollzügen des kirchlichen Lebens gibt.

Ein Paradebeispiel dafür ist die Bischofsbestellung. Sie erfolgt massgebend durch den Papst, der in der Regel allein entscheidet, wen er zum Bischof ernennt. Es gibt zwar vor allem in den deutschsprachigen Ländern einige Sonderbestimmungen, in denen dem jeweiligen Domkapitel vereinzelt sogar ein freies Bischofswahlrecht zukommt (Basel und St. Gallen), meistens jedoch nur ein reduziertes Wahlrecht aus einem päpstlichen Dreiervorschlag (Chur, Deutschland, Österreich). Doch auch diese Formen der Mitwirkung des Domkapitels entsprechen nicht dem Selbstverständnis der katholischen Kirche als Gottesvolk von Laien und Klerikern. Denn das Domkapitel repräsentiert nicht dieses Gottesvolk, nicht einmal dessen Kleriker, dessen Laien schon gar nicht.

Wie kann hier Abhilfe geschaffen werden? Den entscheidenden Anknüpfungspunkt dazu bietet das kirchliche Recht selbst. Dort heisst es im Kanon 377 des CIC: «Der Papst ernennt die Bischöfe frei oder bestätigt die rechtmässig Gewählten.» Obwohl hier die Möglichkeit der Bischofswahl gleichberechtigt neben dem freien Ernennungsrecht des Papstes steht, hat sich die freie Bischofswahl im lateinischen Rechtskreis der katholischen Kirche bisher nicht durchgesetzt.

Dabei wird die ausschliessliche Bischofswahl auch jetzt schon in der katholischen Kirche praktiziert, nämlich in den katholischen Ostkirchen; denn diese kennen in ihrem Gesetzbuch von 1990 die Bischofsbestellung nur in der Form der freien Wahl, die durch die Bischofssynode der jeweils zuständigen Patriarchalkirche erfolgt. Die Mitwirkung des Papstes ist hier auf die Benachrichtigung über den Gewählten beschränkt, wenn ihm vorher die Kandidatenliste zur Approbation vorgelegt wurde.

Dieses ausschliessliche Bischofswahlrecht in den katholischen Ostkirchen sollte auch in die katholische Westkirche übernommen und zugleich durch eine angemessene Beteiligung des Volkes Gottes modifiziert werden. Weil der Bischof in der Orts- und Weltkirche in verschiedenartigen Beziehungen steht, liegt ein gestuftes Verfahren der Mitwirkung des ganzen Gottesvolkes folgender Art nahe: Ein Wahlgremium aus Repräsentanten des Gottesvolkes der betreffenden Ortskirche stellt durch Mehrheitsbeschluss eine Liste von geeigneten Kandidaten auf. Als Repräsentant des Bischofskollegiums kann die Bischofskonferenz einen weiteren Kandidaten hinzufügen; das gleiche Recht steht dem Apostolischen Nuntius als Vertreter des Papstes zu. Unter Bindung an die erstellte Kandidatenliste nimmt die Bischofskonferenz das Wahlrecht wahr. Der Papst als Bischof der Gesamtkirche bestätigt die Wahl, sofern die Eignung des Gewählten feststeht.

Gerade für einen Bischof gilt, dass er dann am ehesten von möglichst vielen anerkannt wird, wenn an seiner Auswahl ebenfalls möglichst viele beteiligt waren.

Text: Sabine Demel, Professorin für Kirchenrecht an der Universität Regensburg

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Sabine Demel (*1962) ist Theologin und klassische Philologin sowie Ehe-, Familien- und Lebensberaterin. Seit 1997 hat sie den Lehrstuhl für Kirchenrecht an der Universität Regensburg inne. Sabine Demel versteht Kirchenrecht als Instrument, legitime Freiheitsräume in der Kirche zu schützen, neu zu entdecken und zu entfalten.

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Die Bischofswahlaus kirchengeschichtlicher Sicht:

Bischofswahl durch Klerus und Volk

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Der Ablauf einer Bischofswahl im Bistum Chur:

Schaubild

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Übersicht aller Beiträge der Serie
«Bischof gesucht»