Editorial

Theologie braucht Spielraum

Zur Theologie gehört der Disput. Das wusste schon der grosse Thomas von Aquin vor bald 800 Jahren.

Als einflussreichster Vertreter der Scholastik beherrschte von Aquin die «disputatio» meisterhaft. Die Theologie des Mittelalters ist – allen späteren Verunglimpfungen und Vereinnahmungen zum Trotz – eine diskutierfreudige Theologie, die vom Willen zum Dialog angetrieben wird. So vital, dass in Paris das erste «Polizeikorps» der Geschichte gegründet werden musste, um bei theologischen Handgreiflichkeiten einzuschreiten.

Thomas von Aquin und der Scholastik ging es allerdings nicht um Streit, es ging um immer tieferes geistiges Eindringen in den Glauben. Dafür nahmen sie alles zu Hilfe, was sich ihnen als Anregung anbot. Sie trugen weder gegenüber antiker noch arabischer Philosophie Scheuklappen und auch nicht gegenüber der Naturwissenschaft. Wenn Gott tatsächlich überall zugegen war, dann konnte man ihm auch überall begegnen.

Am Ende seines Lebens soll Thomas von Aquin sein gewaltiges Werk als «Stroh» bezeichnet haben. Er wusste, dass Gottes Wirklichkeit die Erkenntnis des Menschen immer unendlich übersteigen würde. Er sah das allerdings – genau wie die Mystiker seiner Zeit – nicht als Manko, sondern als riesigen Spielraum für den Geist. Eine Unwissenheit, die wahrhaftig frei macht.

Die Einrichtung eines Lehramtes im 19. Jahrhundert hat der Theologie in der katholischen Kirche die Frischluft entzogen und damit praktisch versucht sie abzuschaffen. Dass ausgerechnet Thomas von Aquin zum Schirmherr einer Doktrin ernannt wurde, die in starren Lehrsätzen spricht und diese zu undiskutierbaren Wahrheiten erklärt, das ist eine der ganz grossen Ungerechtigkeiten der Kirchengeschichte. Die Scholastiker waren keine kümmer-lichen Paragraphenreiter. Und dass es eine unendliche Differenz zwischen Wahrheit und Erkenntnis der Wahrheit gibt, das war für sie theologisches Einmaleins.

Wir öffnen im forum mit unserer Serie zur Bischofswahl ein kleines Fenster zu jenem Spielraum, ohne den es keine Theologie und letztlich auch keinen Glauben gibt.

Text: Thomas Binotto