Gleichnisse aktuell: Verlorene Münze

Wider die Wegwerfkultur

Wir leben (noch) in einer Wegwerfkultur, wo das Fortwerfen und Neuanschaffen billiger kommt als eine Reparatur.

Gewiss, ein Umdenken ist im Gange und es entstehen laufend neue Initiativen, die Abfallberge zu reduzieren. Recycling ist zu einem Schlagwort, ja zu einem Industriezweig geworden. Es tut sich also einiges. Auch wenn noch nicht von einer Umkehr oder Abkehr gesprochen werden kann, sondern eher von einem «Wegwerfen auf höherem Niveau» mit sozialem und ökologischem Seitenblick.

So weit wie die Frau im Gleichnis von der verlorenen Drachme sind wir allerdings noch nicht! Sie gibt ihre Suche wirklich nicht so schnell auf und stellt das ganze Haus auf den Kopf, nur um die eine verlorene Münze wiederzufinden. Was für ein Sinnbild für einen Haushalt, wo nichts vorschnell fortgeworfen oder als verschwunden deklariert wird.

Es ist an der Zeit, daran zu erinnern, dass Jesus mit diesem Gleichnis – und einer Reihe anderer – seinen barmherzigen und verständnisvollen Umgang mit Sündern rechtfertigte. In keiner Weise wollte er sich hinreissen lassen, Menschen wegen persönlicher Verfehlungen zu verwerfen. Bei ihm bekam jede und jeder eine neue Chance, keinen gab er auf, niemand sollte verloren gehen.

Damit kam Jesus nicht überall gut an. Das Weg- und Verwerfen von Menschen hat eine lange Geschichte – auch in der Kirche, welche im Namen der reinen Lehre nicht davor zurückschreckt, Menschen zu verurteilen und auszuschliessen. Schade, damit bringt sie sich um die Freude, welche den Schluss des Gleichnisses bestimmt und alle vorherige Suche nach dem Verlorenen vergessen lässt.

Denn eigentlich müsste das Gleichnis von der verlorenen Drachme anders heissen, zum Beispiel: das Gleichnis von der wiedergefundenen Freude. Es lohnt sich, die Hoffnung nicht wegzuwerfen und manchmal sogar das halbe Haus oder ein ganzes Konzept auf den Kopf zu stellen.

Am Schluss des Gleichnisses wird dann nicht mehr gesucht, sondern gefeiert – und zwar gleich mit der ganzen Nachbarschaft. Damit wird endgültig deutlich, dass es Jesus mit diesem Gleichnis um mehr geht als um Sparsamkeit und Fleiss. Er wirbt mit allen Mitteln darum, dass wir jedes Menschenleben achten und keines fortwerfen.

Text: Stefan Staubli, Pfarrer Katholische Pfarrei St. Peter und Paul sowie St. Marien