Im züripiet dihei

Die Kapuziner ziehen aus Zürich weg

Nach 81 Jahren müssen die Kapuziner ihre Gemeinschaft in Zürich Seebach auf Ende Oktober auflösen. Aus personellen Gründen ziehen die drei verbliebenen Brüder Willi Anderau, Walter Annen und Pavol Sajgalik weiter. Ein Gespräch mit Bruder Willi Anderau.

Forum: Aufbruch aus Zürich nach 81 Jahren – wie ist die Stimmung im Haus?

Willi Anderau: Durchzogen. Für Bruder Pavol ändert sich als Seelsorger in der slowakischen Mission nicht viel. Er bleibt in Zürich, weil er hier ein Büro und eine Wohnung hat, von der Fachstelle für Migrationspastoral «Migratio». Er vermisst einfach unsere Gemeinschaft. Mein Kollege Walter weiss noch nicht so recht, wohin er mutiert wird. Ich habe schon ein festes Ziel, ich werde nach Luzern gehen, dort haben wir das Projekt «Oase W» im Kloster Wesemlin. So freue ich mich auf eine interessante Gemeinschaft und eine interessante Aufgabe. Aber: Was mich bedrückt ist, dass wir als Orden Zürich verlassen müssen. Nicht so sehr, weil es meine Heimatstadt ist, sondern weil ich es schade finde, dass wir für die Herausforderung einer Grossstadt wie Zürich keine Leute mehr finden.

In der Schweiz leben etwas über 100 Kapuzinerbrüder. Warum nicht einige davon weiterhin in Zürich?

Unsere Gemeinschaft ist überaltert, wir haben zu wenige jüngere Brüder. Diese mussten wir konzentrieren: auf Luzern mit dem Projekt «Oase W», auf das Kloster Rapperswil, das ein Kloster zum Mitleben ist, und auf Olten mit der Missionsprokura. Für die grosse Mehrheit der älteren Brüder haben wir Pflegeklöster.

Wie viele Brüder sind bei den schweizer Kapuzinern jünger bzw. im Einsatz?

Im Einsatz ist ja doch der grösste Teil, weil wir im Orden eigentlich nicht pensioniert werden. Leben und arbeiten, das fällt mehr oder weniger zusammen. So lange einer mag, macht es auch Freude, in der Seelsorge zu arbeiten. Für die grösseren Aufgaben braucht es dann natürlich mehr Energie, wie sie halt nur jüngere Menschen haben. Da sind es vielleicht noch etwa 15 Brüder, die wir dazu zählen können.

Sie sprachen vom Bedauern, dass sich die Kapuziner nicht weiterhin in Zürich einsetzen können. Was wären denn in Ihren Augen heute die notwendigen Aufgaben?

Als franziskanischer Orden ist es unser Kerngeschäft, zusammen mit den Leuten in einem einfachen Stil zu leben und uns vor allem den ärmeren Schichten, den sozial Benachteiligten zuzuwenden. Ich denke, in Zürich sind tatsächlich weiterhin – wahrscheinlich zunehmend – soziale Probleme da, viele davon versteckt. Es ginge dabei nicht primär um materielle Hilfe, sondern einfach um das Mitleben, sich zu engagieren für die Probleme dieser Menschen, vielleicht sogar politisch.

Was haben die Kapuziner in Zürich eingebracht?

Sicher die «Hausmission». Zu jener Zeit sehr innovativ, heute hat es sich überholt. Die Kapuziner sind in den Pfarreien von Haus zu Haus gegangen. Sie haben nach den Adresskarteien die Katholiken besucht, das Gespräch mit ihnen gesucht, vor allem auch mit Leuten, die sich von der Kirche entfremdet hatten. Man muss sich vorstellen, die Katholiken in Zürich waren damals in einer «Ghetto-Situation», das heisst, sie waren eine Minderheit und zum Teil auch etwas verloren in der Grossstadt Zürich. Die Kapuziner haben in den Pfarreien Gottesdienste gehalten. Ihre Funktion war nicht so sehr, auf die zu warten, die sich von der Kirche entfremdetet hatten. Sie sind zu den Leuten hingegangen, haben ihnen zugehört und sich für ihre Probleme Zeit genommen. Heute nennen wir das eine «Geh-hin-Kirche».

Was hat umgekehrt Zürich den Kapuzinern gebracht?

Ich würde sagen, die Grossstadt hat die Kapuziner herausgefordert in Richtung Säkularisierung. Ordensleute sind immer ein bisschen in Gefahr, sich hinter Klostermauern einzurichten, das geistliche und ruhige Leben zu schätzen – da ist ja nichts dagegen einzuwenden. Aber es ist nur die eine Seite der Aufgabe. Eine Grossstadt fordert einem heraus, die Sprache, die Kultur, den eigenen Lebensstil zu prüfen und zu messen an der Kultur einer heutigen Gesellschaft. Die Kapuziner haben noch sehr viel Traditionelles mitgebracht aus der früheren Geschichte: zum Beispiel das sichtbare Ordenskleid. Es weist hin auf eine Zeit, wo man auch in den Kirchen noch das Ständedenken gepflegt hat. Da gab es die Laien, die Kleriker, die Ordensleute, und die haben sich ausgezeichnet durch ihren Lebensstil und ihren Kleidungsstil. Heute ist die Tendenz in einer säkularen Gesellschaft, dass wir niederschwelliger die je eigene Form leben, dass wir von den einzelnen Ständen Abschied genommen haben. Dazu gehört auch der Klerikalismus, der eine vergangene Geschichte ist – oder sein sollte. Derartige Dinge haben uns in der Grossstadt tatsächlich herausgefordert und auch unseren Lebensstil geprägt.

Wenn Sie Ihre Phantasie spielen lassen: Wie wird ein Kapuziner in fünfzig Jahren leben?

Ich denke, das Ordensleben in Zentraleuropa ist generell in einer Umschichtung. Alleine schon, dass sich viel weniger Menschen entschliessen können, sich auf Lebenszeit zu engagieren. Ich denke, in fünfzig Jahren gibt es in der Schweiz vielleicht noch zwanzig oder dreissig Kapuziner, die das franziskanische Leben in Gemeinschaften so leben, wie wir es heute in etwa gewohnt sind. Sie werden sehr in Nachbarschaft und in Kooperation mit franziskanischen Menschen leben, die sich aber nicht auf ihre ganze Lebenszeit binden. Eine Art Weggenossenschaft also, in der man eine Zeit lang miteinander geht und arbeitet. Schon heute merken wir, dass die Franziskanische Gemeinschaft neben uns Brüdern ziemlich stark geworden ist. Es sind Menschen, die mit uns zusammen leben und viele Aufgaben weiterführen, die wir begonnen haben. Ich glaube auch, dass sich ein Kapuziner in fünfzig Jahren noch weniger von der Welt abheben wird, von seinem Lebensstil, von der Kleidung her und von der Architektur des Klosters, in dem er lebt. Franziskus von Assisi hat gesagt, unser Kloster solle die Welt sein. Er hatte also nicht die Absicht, sichtbare Klöster mit Mauern und einer Kirche zu bauen. Ich könnte mir vorstellen, dass es in Zukunft wieder mehr in diese Richtung geht, dass Kapuziner in der Welt Zeugnis geben von einem Leben nach dem Evangelium und von  franziskanischer Spiritualität. In Zürich haben wir das ein bisschen zu leben versucht. Unser Haus hier sieht nicht aus wie ein Kloster, sondern wie ein normales Wohnhaus.

Text: Veronika Jehle

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Seit 1939 lebten und arbeiteten Kapuzinerbrüder an der Seebacherstrasse 15 in Zürich Seebach. In ihrem braunen Franziskaner-Ordenskleid sind sie vielen als aktive Seelsorger in Erinnerung. In der Schweiz leben aktuell etwas über 100 Brüder in zehn verbliebenen Klöstern. Weltweit zählt der Orden etwas über 11.000 Mitglieder.