Bericht aus Jerusalem

Ein Land auf der Strasse

Als im Frühjahr die Covid-19-Pandemie in Israel ankam, griff das Land hart durch.

Lockdowns fegten die Strassen leer. Mit den Lockerungen und verstärkt durch geschlossene Grenzen änderte sich das Bild. Doch nicht nur Cafés, Strände und Parks füllten sich. Seit Mitte Juli zieht es mehrmals die Woche und jede Woche zum Ende des Schabbat Zehntausende auf die Strasse.

Israel demonstriert: Hauptsächlich gegen Benjamin Netanjahu, den wegen Korruption, Betrug, Untreue und Bestechlichkeit angeklagten Ministerpräsidenten. Und gegen das Handling der Coronavirus-Krise im Land und deren wirtschaftliche Folgen. Ein bisschen auch gegen Gewalt gegen Frauen. Oder für die Rückholung durch die Hamas entführter Israelis. Dann gegen ein Verbot der traditionellen Wallfahrt strenggläubiger Juden zum jüdischen Neujahrsfest ins ukrainische Uman. Und in kleiner Zahl auch für Ministerpräsident Benjamin Netanjahu.

Demonstrationen gibt es in Israel seit jeher viele. Ultraorthodoxe protestieren gegen die Entweihung von Schabbat oder den Versuch, den Wehrdienst auch in ihren Kreisen umzusetzen. Eine kleiner werdende Linke – viele von ihnen seit Jahrzehnten den Protesten treu – gegen Rassismus, Diskriminierung, die Besatzung und die in ihren Augen nicht mangelnden Versuche einer immer rechter werdenden Regierung, Demokratie und Gewaltenteilung zu schwächen. Selten, wie etwa im Sommer 2011 in Tel Aviv, wird auch mal für ein sozialeres Land und mehr Verteilungsgerechtigkeit demonstriert. Bewirkt haben all die Demonstrationen der letzten Jahre wenig.

Doch die Demonstrationen, die sich Wochenende für Wochenende, und in kleinerem Ausmass auch unter der Woche vor der Jerusalemer Residenz Netanjahus, in Tel Aviv und an zahlreichen Brücken und Kreuzungen des Landes wiederholen, sind keine «klassischen Linken-Demos». Zu bekannten Gesichtern älteren Semesters gesellen sich viele Junge und Familien mit ihren Kindern. Auch traditionelle Netanjahu-Wähler gehen mittlerweile gegen den Premier auf die Strasse. Die Mittelschicht, einst Netanjahus Stärke.

Sie sprechen nicht mit einer Stimme. Ihre Forderungen sind breit gestreut. Aber die Menge derer, die Wandel will, wächst. Ihr gemeinsamer Nenner ist die Wut auf die herrschenden Missstände. Sie lassen auch angesichts wachsender Härte der Polizei gegen Demonstranten nicht nach. Zu sehr sorgen sie sich um ihre Existenz und die Demokratie in ihrem Land.

Und Netanjahu? Schweigt. Spottet. Wirft den Medien vor, die Proteste zu schüren, durch falsche Darstellungen das Bild zu verzerren und immer mehr Menschen auf die Strasse zu locken. Spricht von «nordkoreanischen Bedingungen». Klagt über Drohungen gegen seine Familie. Netanjahu-Sohn Jair setzt noch einen drauf: Die Demos seien Unterhaltung für die Familie, die «Ausserirdischen beim Protestieren» brächten sie zum Lachen.

Die Demonstranten scheint dieses Verhalten erst recht in dem einen gemeinsamen Nenner zu bestärken: Netanjahu muss weg. Das rufen jede Woche mehr Menschen. Netanjahu hat spätestens seit 2009 bewiesen, dass er Sitzfleisch und politischen Überlebenswillen hat. Ob die Demonstranten diesmal den längeren Atem haben, wird sich im Laufe des Septembers zeigen, wenn durch Schulanfang und die hohen Feiertage ein anderer Lebensrhythmus den Protesten Konkurrenz zu machen droht.

Text: Andrea Krogmann

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Die Journalistin Andrea Krogmann berichtet ab dieser Nummer regelmässig aus Jerusalem – einem Hotspot der Religionen.

Die Stimmung in Jerusalem – eingefangen von Andrea Krogmann


 

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Andrea Krogmann
(*1977) ist seit 2004 als Journalistin tätig. Von der Schweiz aus verschlug es die Theologin 2010 nach Jerusalem, von wo sie als Korrespondentin der Katholischen Nachrichten-Agentur in Text und Bild über den Nahen Osten berichtet. Privat ist sie meistens in Laufschuhen anzutreffen. Sie wird künftig für das forum in einer persönlichen Kolumne über den Orient berichten.