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Ein Stern für Küsnacht

Das soziale Wohnprojekt der Pfarrei Küsnacht ist ein Ort der Integration – und der gelebten Gemeinschaft.

Ein Anker verziert die Tür, eine Schiffsglocke hängt im Korridor, eine goldene Tafel mit Inschrift an der Fassade: Schon der Eingang des alten Hauses erzählt eine Geschichte. Es gehörte einst einem Bootsvermieter, der in das Haus am See in Küsnacht sein Geld investierte. Es liegt am Kopfstein-Strässchen, umgeben von ebenfalls alten Häusern, der See glitzert weiter unten. Idylle pur. «Haus Stern» heisst das Haus heute.

Jetzt erzählt einer der Bewohner des «Haus Stern» seine Geschichte. Brhane Tekali, 28, kam 2015 aus Eritrea in die Schweiz. Er wohnt seit Anfang Jahr im Haus, in einem Zimmer mit Brünneli, einem orangen Ledersofa, Computer, Hanteln unterm Schreibtisch und der eritreischen Gitarre Krar in Blau darauf. Klein, einfach, funktionell. Der trainierte junge Mann folgte seiner Schwester in die Schweiz, wohnte bei ihr, bis sie Kinder bekam und der Platz nicht mehr reichte. Das orange Sofa im kleinen Zimmer war ihr Geschenk – ausrangiert. Brhane Tekali ist einer der vier Männer, die das Haus des Bootsvermieters bewohnen, das natürlich längst den Erben gehört. Seine Lehrerin des Deutschkurses in der Pfarrei Küsnacht machte ihn auf diese Wohnmöglichkeit aufmerksam.

Seit dem letzten Jahr gibt es das «Haus Stern» als soziales Wohnprojekt, initiiert und betreut von der Pfarrei Küsnacht. Das Haus zu bekommen, war ein Glücksfall, erzählt Sozialarbeiter Marcio Mailer auf dem Weg von seinem Büro bei der Kirche Küsnacht zum Haus. «Wir bieten Hilfe zur Selbsthilfe.» Schon lange wollte die Kirchgemeinde bezahlbaren Wohnraum für sozial schwächere Menschen anbieten, der Pfarreirat hatte sich dafür starkgemacht. Ein Mann aus der Pfarrei bot das Haus an, das nun zu marktüblichen Preisen gemietet wird: vier Zimmer, Küche, Bäder, Waschküche und ein Gartensitzplatz. Der Name, «Haus Stern», steht für das christliche Symbol des Sterns, fünf Zacken, die sich in der Mitte treffen. Unterschiedliche Bewohnerinnen und Bewohner sowie die freiwillig Helfenden aus der Kirchgemeinde sind gemeinsam involviert.

Brhane Tekali geniesst sein eigenes Zimmer im «Haus Stern».

Brhane Tekali geniesst sein eigenes Zimmer im «Haus Stern». Foto: Christoph Wider

Das «Haus Stern» ist ein Ort der Integration und der gelebten Gemeinschaft.

Das «Haus Stern» ist ein Ort der Integration und der gelebten Gemeinschaft. Foto: Christoph Wider

Sozialarbeiter Marcio Mailer und Freiwillige der Pfarrei Küsnacht unterstützen die Bewohner.

Sozialarbeiter Marcio Mailer und Freiwillige der Pfarrei Küsnacht unterstützen die Bewohner. Foto: Christoph Wider

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Brhane Tekali sitzt in der Küche des Hauses Stern und lächelt – ein wenig schüchtern, hochkonzentriert. Er möchte jede Frage verstehen. Den Willen, alles richtig zu machen, merkt man ihm an. Im Lockdown verlor er seine Arbeit in einem Gourmet-Restaurant vor Ort. Durch Corona arbeitet er nun zumindest befristet wieder: in der Küche des Spitals Zollikerberg, das einen Teil seiner Belegschaft nach Corona-Infektionen in Quarantäne schicken musste.

Eigentlich möchte er eine Integrationslehre in der Altenpflege machen – sein Traum, auf den er im Gespräch immer wieder zurückkommt. Er habe schon mit einer Frau gesprochen, die im angegliederten Altersheim in Zollikerberg für das Personal zuständig ist. Der junge Mann lächelt stolz, zuckt aber sofort die Schultern: «Sie sagte: Schnupperlehre geht erst nächstes Jahr. Jetzt zu viel zu tun. Corona. Ich weiss das schon, ist für die ganze Welt schwierig.» Er lächelt immer noch – diesmal traurig.

Rund um das Thema Arbeit kümmern sich die offiziellen Ämter um die Bedürfnisse der Bewohner des Hauses. Für vieles andere sieht sich die Pfarrei Küsnacht in der Pflicht. Marcio Mailer führt aus: «Wir schauen, dass es im Alltag klappt, dass die Briefkästen geleert sind, sich alle an die Regeln hier halten. Das ist für mich die wahre Integrationsschule hier.» Und – das weiss der Sozialarbeiter auch: Ohne die vielen Freiwilligen der Kirchgemeinde Küsnacht, die zum Beispiel die Flüchtlinge in Deutsch unterrichten, wäre es nicht möglich. «Wir wollen die Kirche im Dorf lassen, wir sind ja auch die Kirche im Dorf», beschreibt Sozialarbeiter Mailer den Ansatz. Das heisst: es kommen Menschen, die auch nach Küsnacht passen, die sich anpassen können und wollen. Die Menschen aus der Pfarrei helfen, wo sie können. Fehlt etwas, schreibt einer der freiwillig Engagierten an sein Netzwerk. Mikrowelle oder Fahrrad – in den Kellern der Häuser im reichen Dorf an der Goldküste ist einiges übrig. «Viele hier sind weltoffen oder vielleicht selbst aus dem Ausland. Davon profitieren die Flüchtlinge und auch die sozial Schwächeren», resümiert Mailer. Derzeit wohnen vier Männer im Haus, alle haben Arbeit und können die Miete bezahlen. «Bei Engpässen, wenn zum Beispiel jemand krank ist, können wir aber auch grosszügig sein. Es geht ja nicht um Wirtschaftlichkeit.» Mailer ist stolz, dass das Zusammenleben der Männer im Haus und mit der Nachbarschaft sehr gut funktioniert.

Brhane Tekali geniesst das WG-ähnliche Leben, auch wenn es im Alltag nicht so viele Berührungspunkte gibt. «Alle arbeiten viel und lang.» Am Sonntag besucht er meist seine Schwester. Jetzt aber hat der junge Mann noch einen Termin und fährt winkend mit dem geschenkten Velo los, etwas wackelig entlang der vielbefahrenen Seestrasse. Bald ist er – so seine Hoffnung – im Auto unterwegs. Gerade macht er einen Führerschein, um an eine bessere Arbeit zu kommen. «Für Job ist sehr gut mit dem Auto», weiss der junge Mann aus Eritrea, der nun im «Haus Stern» zu Hause ist.

Text: Kerstin Lenz

Angebot laufend

Weitere soziale Wohnprojekte

Verein ViWo
hilft Flüchtlingen in Winterthur bei der Wohnungssuche und Integration.
www.kath-winterthur.ch 

 

Domicil
vermittelt in Zürich Wohnungen an benachteiligte Menschen, haftet solidarisch und unterstützt die MieterInnen im laufenden Mietverhältnis.

www.domicilwohnen.ch