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Es fehlt was ...

Welche Bedeutung Rituale haben, das wird uns erst bewusst, wenn sie fehlen.

Mein ganzes bisheriges Leben haben wir uns zur Begrüssung gewohnheitsmässig die Hand gereicht. So gewöhnlich war das, dass ich mir darüber höchstens Gedanken gemacht habe, wenn sich der Händedruck nach Marshmallow oder nach Schraubstock angefühlt hat.

Aber jetzt, wo wir uns seit einigen Monaten die Hände nicht mehr geben, jetzt spüre ich, dass es eben doch nicht bloss eine Gewohnheit war, sondern auch ein Ritual.

Rituale sind Gewohnheiten plus emotionalen Mehrwert. Am Abend die Zähne zu putzen, ist eine Gewohnheit – seinen Kindern eine Gutenachtgeschichte zu erzählen, das ist ein Ritual.

Erst im Verzicht beginne ich also, den emotionalen Mehrwert im Händeschütteln zu entdecken, und mache mich auf die Suche nach Ersatzhandlungen.

Wir können uns verbeugen – sehr respektvoll, aber auch distanziert. Wir können die Ellenbogen antippen – gespreizt entenhaft. Wir können uns die Faust geben – kumpelhaft mit leichtem Machoeinschlag. Wir können uns gezielt anlächeln – wenn unsere Gesichtsmuskeln durchtrainiert sind.

Was zum Ritual fehlt, sind in all diesen Fällen Akzeptanz und eingeschliffene Gewohnheit. Deshalb stolpere ich momentan durch meine Begrüssungen wie ein ungelenker Roboter im Zufallsmodus.

Noch schmerzlicher als jedes andere Begrüssungsritual fehlt mir jedoch die herzliche Umarmung unter Freundinnen und Freunden. Und ich sehe weit und breit nichts, wodurch sich diese ersetzen liesse. Ich habe deshalb auch schon nach Anleitungen gesucht – und gefunden –, wie man sich trotz Covid-19 einigermassen unbedenklich umarmen kann.

Wenn Rituale wegfallen, wird uns bewusst, was sie uns bedeuten. Wir spüren, welche für uns unverzichtbar sind. Wir spüren aber genauso, welche Rituale sich überlebt haben, welche inhaltsleer geworden sind und welche zur reinen Zwangshandlung verkommen sind.

Text: Thomas Binotto

   

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Episode 5

Was ist mit unseren
Ritualen los?

Thomas Binotto diskutiert im Podcast «ohne Punkt und Komma» mit der Soziologin Katja Rost über Rituale: Hat die Pandemie bereits zu nachhaltigen Veränderungen geführt? Welche Bedeutung haben Rituale für unseren Alltag? Wie unterscheiden wir Rituale von Gewohnheiten?

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