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Feuerschlange wird Glocke

Glocken werden nach jahrhundertealter Technik gegossen – und verlangen den Giesserinnen und Giessern alles ab.

Es ist heiss in der Werkstatt, zwei Feuer lodern laut. Die Giesserinnen und Giesser arbeiten hoch konzentriert, mit dicken Schürzen, silbernen Handschuhen und Augenschutz. Einer rührt mit einem grossen Stab in der Gussmasse, die in einem Tiegel im Ofen steht, und beobachtet die flüssige Bronze genau. Plötzlich wird es ruhig, das Feuer brennt weniger stark. Schnell betätigen zwei Arbeiter den Hebekran, fahren ihn über den Schmelztiegel, fassen diesen an seiner «Brille», einem Gestell mit zwei herausragenden Stangen. Gleichzeitig neigt der erfahrenste Giesser langsam den grossen Kipp-Ofen. Zischend fliesst die rotgelbe, glühende Masse in den im Boden eingelassenen schmalen Kanal. Aus dem Tiegel wird zusätzliche Gussmasse hinzugegeben, der Fluss im Kanal mit Stahlstäben, die vorne leicht verdickt sind und daher «Birne» genannt werden, reguliert, damit die Masse gleichmässig in die Form rinnt – davon hängt alles ab. Die Giesserinnen und Giesser reagieren blitzschnell auf die Anweisungen des ältesten Kollegen, der den Ausfluss beim Kipp-Ofen kontrolliert. «Gönd nochli retour, de Balti het susch z heiss!», ruft er. Die Gussmasse lebt und fliesst wie ein gefährliches, knapp gebändigtes Lebewesen durch den Kanal in die Glockenform, die unter Boden steht.

Wenn die glühende Bronze die richtige Konsistenz hat, ...

Wenn die glühende Bronze die richtige Konsistenz hat, ... Foto: Christoph Wider

... heben die Giesserinnen und Giesser den glühenden Tiegel aus dem Ofen ...

... heben die Giesserinnen und Giesser den glühenden Tiegel aus dem Ofen ... Foto: Christoph Wider

... und giessen die Gussmasse sorgfältig in den Kanal, der in den Glocken-Hohlraum führt.

... und giessen die Gussmasse sorgfältig in den Kanal, der in den Glocken-Hohlraum führt. Foto: Christoph Wider

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In der Firma Rüetschi ist das Glockengiesser-Handwerk seit 1367 überliefert. «Bei der Glockenaufhänge-Vorrichtung, der Läutmechanik im Turm sowie beim Klöppel wenden wir modernste Technologien an, um die Lautstärke zu regulieren. Beim Glockengiessen hat sich die seit Jahrhunderten angewendete Technik bewährt», sagt Rüetschi-Chef René Spielmann. Bis zum Guss ist es allerdings ein langer Weg. Nach der Planung und Berechnung des gewünschten Tones – dies inzwischen am Computer – wird ein Kern aus Backsteinen und Lehm gemauert. Darauf kommt die «falsche Glocke», das Modell, und aussen der Mantel – zuoberst die Krone, woran die Glocke aufgehängt wird. Drei Tage vor dem Guss wird der Mantel abgehoben, die falsche Glocke weggeschlagen, und das Konstrukt wieder geschlossen, so dass innen ein Hohlraum entsteht, der nun als Gussform dient.

Immer mehr neigt sich der Kippofen, bald ist seine Kapazität von einer Tonne Gussmasse ausgeflossen. Die Reste in den beiden zusätzlichen Schmelztiegeln werden in Tröge geleert, die mit Öl bestrichen sind. Schwarzer Rauch und Flammen steigen zischend auf und erlöschen. Auf diese Weise bleibt die Bronze am Trog nicht kleben und kann später wiederverwendet werden – wie auch die Backsteine des Glockenkerns.

Die Giesserinnen und Giesser wischen den Schweiss von der Stirn, ziehen die Schürzen aus und holen draussen im Hof ein paar tiefe Atemzüge frische Luft – genauso wie die schwer beeindruckte kleine Delegation aus Dietlikon, die hier die Entstehung ihrer grössten Glocke miterleben durfte. Ob der Guss gelungen ist, wird man erst nach vier Tagen sehen, wenn die Glocke abgekühlt ist und der Mantel abgeschlagen wird. Nur eine Giesserin steht noch immer in der Werkstatt, vertieft in die glühende Oberfläche des obersten Teils der frisch gegossenen Glocke. «Ich könnte stundenlang zusehen, wie der Sauerstoff über die oberste Gussschicht zieht und ständig neue Muster entstehen», sagt sie andächtig.

Text: Beatrix Ledergerber

Die Glocke für St. Michael wird gegossen…

Angebot laufend

«Glocken für die Ewigkeit. 650 Jahre Glockenguss und Kirchturmtechnik aus Aarau»

Andreas Rupp, Stefan Mittl, Hans-Peter Schifferle et al.

AT Verlag Aarau 2017,
192 Seiten, Fr. 39.90,
ISBN: 978-3-03800-985-6

Die Giesserei Rüetschi