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Ruf der Zukunft

Endlich läuten auch in St. Michael Dietlikon die Glocken – in einem neuen Turm. Die Kirchgemeinde hat sich damit ein Geschenk zum 50-Jahr-Jubiläum gemacht: Als Zeichen für eine Kirche, die an die Zukunft glaubt.

Langsam ziehen sie vorbei, die neuen Glocken: bronzeschwer, mächtig und zart in einem, auf dem üppig mit Blumen geschmückten Wagen. Kräftige Pferde ziehen sie im Schritt durchs ganze Pfarreigebiet: von Wangen über Brüttisellen bis Dietlikon. Die Menschen am Wegrand staunen, zücken ihre Handys, begrüssen die Glocken mit langanhaltendem Applaus. Ein Hauch von Ewigkeit streift an diesem sonnigen Tag die Menschen, die auf dem letzten Wegabschnitt bis zur Kirche St.  Michael den Glocken ihr Geleit geben: Kinder und Eltern, Jugendliche und Ältere laufen mit bis zum Kirchplatz, wo rund 500 Pfarreiangehörige, mit Masken geschützt und auf Listen eingetragen, neben dem neugebauten Kirchturm mit der noch leeren Glockenstube warten.

Eine Kirche ohne Kirchturm – das war St. Michael 50 Jahre lang. «Ich bin nicht dafür, dass man sich nach aussen protzig präsentiert», sagt Gemeindeleiter Reto Häfliger. «Aber es darf ein Zeichen geben, das sagt:  Wir sind Kirche und wir geben unseren Beitrag für diese Welt.» Ohne einen Turm hätten Nicht-Einheimische immer Mühe gehabt, die Kirche überhaupt zu finden, weiss Häfliger. In den 21 Jahren, in denen er hier als Gemeindeleiter wirkt, habe es ihm immer wehgetan, den Gottesdienst ohne Glockengeläut zu beginnen. Dank der guten ökumenischen Beziehungen läuteten wenigstens bei Beerdigungen jeweils die reformierten Kirchenglocken.

Jetzt hören die Pfarreiangehörigen erstmals den Klang ihrer eigenen Glocken. Zuerst wird aber jede von ihnen von Pfarreiadministrator Luis Capilla gesegnet. Dann schlägt Jan Podzorski von der Glockengiesserei Rüetschi sie mit einem Hammer an, so dass sich der Klang über den ganzen Kirchenplatz ausbreitet und in den Anwesenden körperlich fühlbar vibriert. Jetzt ziehen die rund hundert Kinder gruppenweise, im Gleichschritt, unterstützt von Katechetinnen und angeleitet vom Projektleiter der Glockengiesserei, jede Glocke langsam über einen grossen Flaschenzug auf. Zentimeterweise schwebt die Glocke hinauf, wo in schwindelnder Höhe die gesicherten Rüetschi-Mitarbeiter sie in den Glockenstuhl hängen. Kaum zu glauben, dass die Kinder auch die grösste, über eine Tonne schwere Glocke hinaufziehen können!

Pfarreiadministrator Luis Capilla segnet die neuen Glocken.

Pfarreiadministrator Luis Capilla segnet die neuen Glocken. Foto: Christoph Wider

Musikalisch umrahmt wird der Anlass von der Jugendband MV Dietlikon und vom Chor Wangen-Brüttisellen.

Musikalisch umrahmt wird der Anlass von der Jugendband MV Dietlikon und vom Chor Wangen-Brüttisellen. Foto: Christoph Wider

Bevor sie hochgezogen wird, schlägt Jan Podzorski von der Glockengiesserei Rüetschi die Glocke mit einem Hammer an.

Bevor sie hochgezogen wird, schlägt Jan Podzorski von der Glockengiesserei Rüetschi die Glocke mit einem Hammer an. Foto: Christoph Wider

Die Glocken werden nach uralter Tradition von rund 100 Kindern von Hand über einen Seilzug hochgezogen.

Die Glocken werden nach uralter Tradition von rund 100 Kindern von Hand über einen Seilzug hochgezogen. Foto: Christoph Wider

Gesicherte Mitarbeiter der Giesserei Rüetschi hängen die aufgezogenen Glocken in den Glockenstuhl des neuen Kirchturms.

Gesicherte Mitarbeiter der Giesserei Rüetschi hängen die aufgezogenen Glocken in den Glockenstuhl des neuen Kirchturms. Foto: Christoph Wider

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Das 50-Jahr-Jubiläum bot sich als vielleicht letzte Möglichkeit, den fehlenden Turm noch zu bauen – zumal das Budget es zuliess und die Kirchgemeindeversammlung grossmehrheitlich dafür stimmte. Architekt Pierre Ilg entwarf den 18 Meter hohen Turm mit der offen wirkenden, aber – um Emissionen zu dämpfen – verglasten Glockenstube. Denn es gab Einsprachen von Nachbarn, die den Lärm fürchteten. «Wir haben von Anfang an den Stundenschlag ausgelassen, später auch das 7-Uhr-Läuten am Morgen gestrichen. Hauptsächlich läuten die Glocken jetzt einfach vor dem Gottesdienst», erklärt Reto Häfliger. «Ausserdem ist die Technik so fortgeschritten, dass man das Geläut sehr gut einstellen kann.» Kirchenpfleger und Baukommissionspräsident Richard Pfister fährt fort: «Heute vor einem Jahr haben uns das Einholen von Bewilligung und Einsprachen beschäftigt. Im Februar haben wir mit dem Bau des Fundaments begonnen und dank des guten Frühlingswetters ist der Turm rasch in die Höhe gewachsen.»

Corona wegen war alles anders als geplant: kein grosses Pfarreifest zur Einweihung des neuen Turmes, nur eine kleine Delegation beim Glockengiessen, Maskenpflicht beim Glockenaufzug, beschränkte Mitfeiernde beim Festgottesdienst ... aber die neuen Glocken läuten, der freistehende Turm fügt sich harmonisch zu Kirche und Pfarreizentrum, die Einweihungen waren würdig, und das grosse Fest ist nächstes Jahr geplant. Die Zukunft hat begonnen: «Der neue Turm mit seinen Glocken ist auch ein Geschenk für die künftigen Generationen», sagt Reto Häfliger, «es ist kein Zufall, dass die Glocken als erstes einen Jugendgottesdienst einläuten.»

«Jede Glocke ist einem Thema aus unserer Zeit gewidmet», sagt Pfarreiratspräsidentin Anne-Catherine de Loë: «Friede, Glaubwürdigkeit, Schöpfung, Weltkirche.» Künstlerisch umgesetzt hat diese Bildhauer Ernesto Ghenzi. «Glaubwürdigkeit hat etwas mit Glaube, Wahrheit und Würde zu tun», erklärt er. «Wenn wir von Zweifeln befallen sind, finden wir Halt im Glauben.» Mit zwei Gesichtern auf einer Weltkugel habe er die Zerrissenheit heutiger Menschen in Zeiten von Fake News darstellen wollen. Die grösste Glocke ist dem Thema Weltkirche gewidmet. Die Gestaltung – Menschen, die sich rund um eine Weltkugel an den Händen halten – sagt aus: Wir sind verbunden mit den Menschen aller Länder und Kontinente, verschiedener Religionen und Kulturen.

Text: Beatrix Ledergerber