Portrait

Wenn der Tod zu schaffen gibt

Bis zu vierzig Verstorbene werden täglich im Krematorium Nordheim eingeäschert. Um Leben und Arbeit dort zu organisieren, braucht es Cyrill Zimmermann, Betriebsleiter und Bestatter.

Ein Hügel am Rand eines Wohngebiets in Zürich-Affoltern. Langsam hebt sich die Sonne über die Spitzen der Kiefernbäume am Waldrand. Eine Krähe zieht ihre ruhige Bahn am milchigen Morgenhimmel, und landet mit flatterndem Flügelschlag: auf der Spitze eines Kreuzes aus Kupfer. Fünfzehn Meter hoch, ein markantes Zeichen auf diesem Hügel, und Teil des Krematoriums Nordheim, das sich hier oben befindet. Cyrill Zimmermann, der den Betrieb leitet, ist heute bereits die Wege rund herum abgelaufen, erst in gemächlichen Windungen Treppe für Treppe den Hügel hinauf, dann die schmalen Pfade aus Naturstein entlang, die sich durch das Ensemble schlängeln. «Mein Tag beginnt mit einem Rundgang», sagt er, noch etwas müde. «Ich muss die Plakate aufhängen, welche Abdankungen heute sind. Dann schaue ich gleich, ob alles in Ordnung ist und nicht noch Bierdosen von der Nacht herum liegen, wenn die ersten Angehörigen kommen.» Ein Plakat hängt heute aus, mit einem Namen aus vielen Buchstaben. Einige Angehörige sind bereits da. Ein tamilischer Mann soll verabschiedet werden, in der grossen Abdankungshalle, bevor sein Leichnam einen Stock tiefer eingeäschert wird. Nach hinduistischem Brauch gibt es vieles vorzubereiten. «Es wird über Stunden gehen, Menschen aus der ganzen Schweiz reisen an», weiss Zimmermann, nun angekommen in seiner Rolle als Hausherr. Die grosse der beiden Hallen mit ihren 400 Plätzen braucht er fast nur noch für hinduistische Abdankungen. «Wir versuchen das umzusetzen, was die Angehörigen sich wünschen, unabhängig, aus welcher Kultur sie kommen. Wir verstehen uns als Dienstleister.» Zimmermann ist neutral gekleidet, schwarzer Faserpelz, graue Stoffhose, weisses Hemd. Die Ohrringe, die er früher gern getragen hat, musste er für diese Arbeit ablegen. Er und sein Team stehen im Dienst einer würdigen Bestattung. Im Dienst aber auch an einem Ort, der als «Gesamtkunstwerk von nationaler Bedeutung» gilt. Das Krematorium Nordheim, in den Jahren 1963 bis 1967 von Architekt Albert Heinrich Steiner erschaffen, ist im Stil der «strengen modernen Sachlichkeit» gebaut. Aus Muschelkalkstein, Kupfer, Holz und Beton – Materialien, «die sich verändern wie die Natur», sagt Zimmermann. Das passe doch zu einem Ort, an dem Verstorbene kremiert werden.

«Herr Zimmermann, was macht diese Arbeit mit Ihnen: Tote zu verbrennen?»
«Ich weiss jetzt, dass wir am Schluss alle gleich sind. Wir sind zweieinhalb Kilo Asche, so in etwa, und es ist nicht mehr feststellbar, war man ein Mann oder eine Frau, welche Kultur, welche Religion… s’ Hüüfli Kalzium. Was wir alles hineinprojizieren, in unser Leben…»

27. Januar – Nummer 523. Beginnend mit dem ersten Tag jeden Jahres werden die befüllten Urnen nummeriert. Vermerkt auf dem Urnenschild, neben dem Namen des Verstorbenen und dem Kremationsdatum. Zerkleinerte Knochenasche befindet sich in der Urne, alles andere ist verbrannt oder fein säuberlich ausgesondert. Cyrill Zimmermann steht an einem schräg montierten Rost, ein Stockwerk unter einem der sieben Verbrennungsöfen. Auf den Rost sind grössere und kleinere Knochenteile gefallen, angekohltes Metall. Zweieinhalb Kilo. In der Hand einen Magneten, fährt Zimmermann über das Material, zieht die Metallteile an: sogenannte Hagraffen, die den Sarg zusammengehalten hatten, eine Schraube, die einst den Rücken verstärkt haben könnte. Landet alles im Metallkübel. Mit einer Mischung aus Sorgfalt und Routine klopft Zimmermann mit dem Magneten die Knochenteile klein. Maschinensurren im Hintergrund. «Das ist jetzt ein Stück von der Schädeldecke». Tatsächlich. Nach und nach fällt alles durch den Rost, wird dann noch maschinell zerkleinert, ehe es in die Urne rieselt, die die Angehörigen ausgesucht haben. Seit bald zwei Jahren entscheiden Angehörige auch, ob die Edelmetalle, die sich in der Asche befinden, recycliert werden dürfen. Der Erlös kommt der Stadt Zürich zugute, die jedem Einwohner einen Sarg, die Einäscherung sowie eine einfache Urne bezahlt. 70 Prozent entscheidet sich für das Recycling. «Das ist der grosse Vorteil von der Kremation, sie ist umweltfreundlicher. Bei der Erdbestattung geht alles in den Boden. Hier verbrennen wir sogar die Giftstoffe, die sich im Lauf des Lebens im Körper abgelagert haben.» Seit den 1990er Jahren hat das Krematorium Nordheim eine Filteranlage, als erstes der Schweiz, heute lassen sich laut Zimmermann 97 Prozent der Giftstoffe aus den Rauchemissionen binden. Er klopft weiter auf einzelne Knochenteile. «Es ist einfach Kalziumstaub. Ganz trocken.» Emotionen? «Hab ich eigentlich keine, aber auch keinen Ekel.»

«Herr Zimmermann, was braucht es, um hier arbeiten zu können?»
«Bodenhaftung. Dass man bödelet is, Ausgleich hat in der Freizeit und in einer Familienstruktur. Früher war die Motivation oft, bei der Stadt einen sicheren Arbeitsplatz zu haben. Heute kommen viele, weil sie einen Sinninhalt bei der Arbeit suchen.»

Bewerbungen bekommt der Betriebsleiter des grössten Krematoriums des Landes auch dann, wenn keine Stellen ausgeschrieben sind, «weil sich viele für die Thematik interessieren». TV-Serien wie «Der Bestatter» hätten dazu beigetragen, «den Leuten die Idee zu geben, dass das ja auch ein Beruf sein könnte.» Der Tod, kein Tabuthema mehr? «Doch, immer noch, aber anders als früher.» Man wolle sich auseinandersetzen. Etwas, das die neun Bestatterinnen und Bestatter im Nordheim täglich tun. Fünf Frauen und mit dem Betriebsleiter vier Männer, 750 Stellenprozent. Jede Woche wird durch drei Arbeitsbereiche rotiert, Zimmermann selbst springe dort ein, wo es ihn brauche. Alle werden überall eingesetzt, der Psychohygiene wegen. «Immer einen Verstorbenen nach dem anderen einäschern, das wäre zu viel.» 7.000 wären das im Jahr, sie kommen aus Zürich und der Agglomeration, und wer diesen Dienst hat, macht schon den Tag über 20 bis 40. Arbeitsbereich eins: zwei Personen im Ofenraum, eine bereitet die Särge für die Einäscherung vor, fährt sie in die Öfen ein, kontrolliert Verbrennung und Abgasreinigung; die andere arbeitet einen Stock tiefer, zerkleinert die Asche, füllt sie in die Urnen ab, versieht sie mit dem Urnenschild. Arbeitsbereich zwei: Empfang der Verstorbenen und, je nach Zustand, Konservierung in einem der drei Kühlräume, parat machen für den Abschied durch die Angehörigen, das heisst, den Leichnam waschen, anziehen und aufbahren in einem der 32 Einzelaufbahrungsräume, Begleitung der Angehörigen. Arbeitsbereich drei: Büro, Aufträge vorbereiten, Dienstpläne schreiben, Führungen koordinieren, Abdankungen begleiten, Urnen verpacken und verschicken, den Kontakt zu Spitälern und Alterszentren pflegen, auch zum Bestattungsdienst. Dessen Leiterin Helen Horat arbeitet «schon lange und sehr gern» mit Cyrill Zimmermann und seinem Team zusammen. Zimmermann, der seit vierzehn Jahren im Nordheim arbeitet, seit 1. August 2009 in der Leitung, sagt ebenfalls, er arbeite «sehr gern» hier. «Für mich hat’s eine gute Atmosphäre. Es ist ein sehr friedlicher Ort, wie eine Insel. Auch mit den Verstorbenen zusammen zu sein, finde ich sehr friedlich. Es ist abwechslungsreich und schön. Eigentlich bin ich in der Stadt, aber gleich am Waldrand, so wie in einem eigenen Reich», sagt er und bedeutet mit dem Arm einen kleinen Bogen über die Anlage. Die Sonne steht nun schon höher, leuchtet hell in den Innenhof, gestaltet im japanischen Stil. Zwei Kiefern, zwei grosse Steine, Kies auf dem Boden. Darüber ziehen zwei Krähen ihre Kreise.

In der Abdankungshalle haben Angehörige die Möglichkeit sich von den Verstorbenen zu verabschieden.

In der Abdankungshalle haben Angehörige die Möglichkeit sich von den Verstorbenen zu verabschieden. Foto: Christoph Wider

Der Sarg rollt automatisch in den Kremationsofen.

Der Sarg rollt automatisch in den Kremationsofen. Foto: Christoph Wider

Die Kremation selbst dauert ungefähr zweieinhalb bis drei Stunden.

Die Kremation selbst dauert ungefähr zweieinhalb bis drei Stunden. Foto: Christoph Wider

Pro Jahr gibt ungefähr 7.000 Kremationen im Krematorium Nordheim.

Pro Jahr gibt ungefähr 7.000 Kremationen im Krematorium Nordheim. Foto: Christoph Wider

Zerkleinerte Knochenteile befindet sich in der Asche.

Zerkleinerte Knochenteile befindet sich in der Asche. Foto: Christoph Wider

Die Asche wird zusätzlich maschinell zerkleinert, bevor sie in die endgültige Urne kommt.

Die Asche wird zusätzlich maschinell zerkleinert, bevor sie in die endgültige Urne kommt. Foto: Krematorium Nordheim/zvg

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Cyrill Zimmermann hat Rituale. Kommt er abends nach Hause, geht er als erstes mit seinem Hund laufen, «in die Natur, wo ich hinunterfahren kann.» Für sein Team kocht er zwei- bis dreimal in der Woche ein Mittagessen. Arbeiten die einzelnen in der grossen Anlage verteilt je für sich, gebe das Möglichkeit, «zusammen zu sitzen und auszutauschen.» Supervision? «Theoretisch könnten wir es anfordern, es wird aber selten genützt.» Zimmermanns Team, das sind gelernte Fachfrauen Gesundheit, die davor in der Pflege gearbeitet haben, andere sind Fachmänner mit einer technischen Ausbildung. Es sind Menschen, die einen Umgang damit gefunden haben, Tote zu sehen – auch Tote, die sich selbst das Leben genommen haben, manchmal brutal.

«Wie kommt es, dass Sie, Herr Zimmermann, in einem Krematorium arbeiten?»
«Ich muss um die zwölf Jahre alt gewesen sein, als mich meine österreichische Grossmutter gefragt hat, ob ich den Schädel meines verstorbenen Grossvaters haben möchte. Das war damals dort so üblich, wenn die Gebeine viele Jahre nach dem Tod exhumiert wurden. Ich wollte das nicht. Seither faszinieren mich Schädel. Die Individualität, wie extrem unterschiedlich sie sind.»

Lange vor seiner Zeit im Krematorium ist Zimmermann viel gereist, bis nach Indien, hat dort in der Stadt Varanasi, die Hindus als heilig gilt, die Totenverbrennungen am Fluss Ganges erlebt. Gelernt hat er Drucker, später Sozialpädagoge, er blieb ohne eigene Familie, wollte nach seinem 50. Geburtstag etwas Neues anfangen, etwas das ihn fasziniert. So begann er im Krematorium. Nach zwei Jahren im Dienst hat er, wie üblich, einen Kurs als Bestatter absolviert, beim Schweizerischen Verband der Bestattungsdienste. Heute 60-jährig, möchte Zimmermann Bestatter bleiben bis zu seiner Pensionierung, die er sich in drei Jahren vorstellt. Momentan gilt es erst einmal, einen Umbau abzuschliessen: bis Anfang 2021 sollen nach und nach alle sieben Elektrokremationsöfen im Nordheim erneuert werden. Einer ist es schon. «Die Programmierung vom Kremationsablauf ist feiner, wir können schneller auf Veränderungen im Verbrennungsprozess reagieren, dadurch können wir sauberer kremieren. Die Datenübertragung ist neu digital vom städtischen System auf die Ofenlinie möglich, dadurch können nun wirklich keine Abschreibfehler passieren», sagt Andreas Bichler, technischer Leiter und Zimmermanns Stellvertreter. Er hat gerade Dienst in der Ofenhalle. Es riecht nach Hitze und Feuer, «manchmal kann es auch mehr nach Verwesung riechen». Zwanzig Särge hat Bichler heute schon in den Öfen verschwinden sehen. Geht das schwarze Tor auf, rollt der Sarg automatisch hinein, langsam, bis er auf einem Rost zu stehen kommt und durch die Hitze bei rund 650 Grad Celsius Feuer fängt. Das Tor geht zu und dann zerfallen erst der Sarg, dann der Körper unter der Hitze, bis alles ausgebrannt ist. Die Zeit, die es brauche, einen Leichnam zu verbrennen, werde bei den neuen Öfen gleichbleiben: zweieinhalb bis drei Stunden, je nach Grösse und je nachdem, wie der Körper zusammengesetzt ist. Man könnte es auch forcieren. «Tun wir aber nicht, das ist mir wichtig. Jedes Individuum hat seine Zeit. Kremation ist eine Bestattungsart, nicht eine Entsorgungsart. Wir sind Bestatter. Es sind Menschen, die eingeäschert werden», betont Zimmermann.

 «Herr Zimmermann, Sie sehen jeden Tag dieses grosse Kreuz. Bedeutet Ihnen das etwas?»
«Ich finde es schön. Heute würde man es wohl anders bauen, neutraler. Ich selbst bin kein Christ. Aber ich sehe, dass Rituale wichtig sind, und die Leute, die sie nicht haben, oft hilflos, gerade angesichts vom Tod.»

Mehr und mehr tamilische Familienangehörige treffen ein, das grosse Kreuz scheint sie nicht zu stören. Ein Buffet ist aufgebaut, «man trinkt Chai», sagt Zimmermann. Aus der Abdankungshalle tönt nun indische Musik, bunte Opfergaben sind vorne auf einem Tuch ausgebreitet, mehrere Männer schmücken ein Gerüst, das rund um den Sarg aufgebaut ist. Der Geruch von Räucherstäbchen erfüllt die nüchterne Architektur. Während eine Krähe von einer der Kiefern im Innenhof auffliegt, mischt sich Glockengeläut aus der Stadt unter den Sound. Bald wird die Sonne am Zenit stehen. Und das Ritual beginnen, einen weiteren Menschen zu bestatten. Ganz individuell, und doch so, wie fast 90 Prozent der Verstorbenen in der Stadt Zürich: durch Kremation.

Text: Veronika Jehle