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«Wir sind einfach ausgeliefert gewesen»

Sünderin, des Teufels, minderwertig, sittlich verwahrlost, wild – die «Hexenkinder» mussten sich einiges anhören.

Und nicht nur das. Sie wurden geschlagen, gezüchtigt, eingesperrt, unter Wasser gehalten, bis sie kaum mehr atmen konnten, und erniedrigt. Dies alles immer unter dem Deckmantel der Religion. Der neue Film «Hexenkinder» (Kinostart am 17. September) vom Schweizer Regisseur Edwin Beeler (62) zeigt Kinder-Schicksale: aus der Schweiz der 50er und 60er Jahre und von damals zu Zeiten der Hexenverfolgung, in der Kinder für ihr angebliches Seelenheil hingerichtet wurden.

Die fünf Protagonistinnen und Protagonisten des Films «Hexenkinder» sind im besten Alter. Sie leben heute ein scheinbar normales Leben und haben doch schier Unvorstellbares in ihrer Kindheit in verschiedenen Kinderheimen erlebt. Sie stammten aus armen Familien, wurden unehelich geboren oder waren Waisen. Fast vier Jahre lang begleitete Beeler mit seiner Kamera die Betroffenen, gemeinsam wurden Akten gesichtet, die Kindheits-Orte besucht. Wie war so etwas in der «heilen» Schweiz möglich? «Die Kinder wurden systematisch stigmatisiert, ihnen wurde ein klösterliches Leben aufgestülpt, als Knechte und Mägde Gottes. Gesellschaft und Staat haben weggeschaut,» so die Erklärung von Edwin Beeler. «Dazu kommt, dass das Erziehungspersonal in den Heimen nicht ausgebildet war und einfach klösterliche Strukturen angewendet hat. Pädagogik mit dem Stock war Mitte der 60er Jahre ganz normal.» Auch Edwin Beeler erfuhr dies in seiner Grundschulzeit in Immensee im Kanton Schwyz, als Schüler und auch als Ministrant. «Das Bild des strafenden Gottes war allgegenwärtig, früher hat man weniger von der Liebe Jesus’ erzählt, mehr von der Hölle und dem Teufel», fasst Beeler seine Erlebnisse zusammen.

Pedro Raas wuchs im ehemaligen Kinderheim Einsiedeln auf.

Pedro Raas wuchs im ehemaligen Kinderheim Einsiedeln auf. Foto: zvg

MarieLies Birchler bei der gemeinsamen Akteneinsicht.

MarieLies Birchler bei der gemeinsamen Akteneinsicht. Foto: zvg

Der Historiker Philippe Bart sichtet alte Dokumente.

Der Historiker Philippe Bart sichtet alte Dokumente. Foto: zvg

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Bei den Betroffenen hallen die Erlebnisse aus der Kindheit auch heute noch nach: wenn ihnen eine Nonne in ihrem Ordenskleid begegnet, an den Schauplätzen ihrer Kindheit und nun auch, als der Corona-Lockdown zu einem zurückgezogenen Leben zwang. Wie auf dem Dachboden eingesperrt, fühlte sich MarieLies Birchler dann wieder. Sie sei verdorben und nichts wert, hatte sie von den Nonnen im Kinderheim Einsiedeln gehört, und irgendwann geglaubt. Ein Treffen und eine mögliche Entschuldigung mit den Ingenbohler Schwestern für den Film kam nicht zustande: das «Vorhaben» des Filmemachers erschien ihnen als «Inszenierung», zu der sie «nicht Hand bieten» wollten. «Ich hoffe aber, dass die Schwestern den Film im Kino anschauen,» so Beeler und erzählt, dass der damalige Abt Georg Holzherr im Kloster Einsiedeln sich bei Pedro Raas, aufgewachsen im ehemaligen Kinderheim Einsiedeln, eindrücklich entschuldigte: Nach einem Gespräch legte sich der Abt lang, mit dem Gesicht nach unten, vor dem Mann auf den Boden, betete und bat um Verzeihung. «Das war ein befreiendes Zeichen für Pedro», erzählt Beeler. «Es braucht Empathie für die ‹Hexenkinder›, eine ehrliche Anerkennung ihrer Leiden.»

Trotz des Themas ist der Tenor des Films positiv: schöne Landschaftsaufnahmen, authentische Erzählungen, starke Persönlichkeiten und der feine Blick des Regisseurs machen das möglich. Alle fünf Portraitierten sind ihren Weg gegangen, mit hoher Kreativität, grosser Fantasie und Strategien, wie sie überleben und ihre Nische finden. «Niemand der fünf Protagonistinnen und Protagonisten hat sich unterkriegen lassen. Im Gegenteil: Ihre Widerstandfähigkeit wurde eher gestärkt – obwohl solch tiefe Wunden wohl nie wirklich heilen können», resümiert Regisseur Beeler. «Man braucht keine Angst haben, den Film anzusehen.»

Text: Kerstin Lenz

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Edwin Beeler ist 1958 geboren und lebt in Luzern. Er ist ausgebildeter Historiker und realisiert seit 1984 Dokumentarfilme, deren Stoff und Themen oft in der Geschichte gründen. U.a. brachte er den Film «Bruder Klaus» ins Kino. Er wurde 2017 für seinen Film «die weisse Arche» mit dem Innerschweizer Filmpreis der Albert Koechlin Stiftung und für sein Gesamtwerk mit dem Innerschweizer Kulturpreis ausgezeichnet.

Edwin Beeler, «Hexenkinder»