Bericht aus dem Vatikan

Der Papst als Navi

Ein Bäcker macht Brot. Die Friseurin schneidet Haare. Lehrerinnen und Lehrer unterrichten. Aber was macht eigentlich der Papst den lieben Tag lang?

Wenig überraschend: Wie jeder andere Priester betet er und feiert täglich Eucharistiefeier. Doch was kennzeichnet den Papst? Im Grunde genommen ist er so etwas wie der irdische Mediensprecher Jesu Christi und seiner Kirche. Es geht also darum, dass der Papst seinen Kopf hinhält und den Menschen «urbi et orbi» – also in Rom und auf der ganzen Welt – erläutert, was er als Wille Gottes erkannt hat.

Seine stärkste Waffe dabei ist die sogenannte Enzyklika, also ein Lehrschreiben. Dieser Text, der meist einen lateinischen Titel trägt, richtet sich vor allem an alle Gläubigen, aber auch an alle «Menschen guten Willens». Damit sind also nicht nur Katholiken gemeint.

Pius XI. hatte sich 1937 mit der Enzyklika «Mit brennender Sorge» (der Titel war ausnahmsweise deutsch) an die Menschen im Dritten Reich gewandt. Johannes Paul II. prangerte mit seiner Enzyklika «Redemptor hominis» von 1979 den Kommunismus an. Franziskus hat in seinem Pontifikat bisher zwei Enzykliken herausgegeben. Frisch gewählt, präsentierte er sich 2013 mit «Lumen fidei». Es ist die erste Enzyklika, die von einem Papst – Benedikt XVI. – angefangen und von seinem Nachfolger – Franziskus – fertig gestellt wurde.

Die erste eigenhändig von Franziskus verfasste Schrift ist 2015 erschienen und darin geht er auf die sozialen und ökologischen Fragen unserer Zeit ein. Nach «Laudato si’» wird er uns nun am 3. Oktober «Fratelli tutti» schenken. Wieder kein lateinischer Titel und wieder wie «Laudato si’» ein Zitat des heiligen Franz von Assisi.

Wie seine Vorgänger hat Papst Franziskus den Sommer damit verbracht, die Abschrift fertig zu verfassen. Dazu hat er – ebenfalls wie seine Vorgänger – Beraterinnen und Berater beigezogen, die sich mit der Materie gut auskennen. In diesem Fall handelt es sich um Mediziner und Wirtschaftswissenschaftler, denn der Papst will sich in seinem neuen Schreiben mit den Folgen des Coronavirus auseinandersetzen.

Dazu tauschte sich Franziskus in den vergangenen Wochen mit Fachleuten aus, die zum Beispiel Infizierte pflegten, oder mit Ökonomen, welche die wirtschaftlichen Folgen der Krise abschätzen.

Ein Papst – egal welche theologische Haltung er einnimmt – muss immer auch auf Stimmen anderer Fachbereiche hören, um sinnvolle Aussagen machen zu können. Wer Papst wird, ist a priori kein Universalgenie. Auch ein Franziskus nicht. Deshalb trifft er regelmässig Wirtschaftsleute, Kulturschaffende oder Wissenschaftler, bei denen es sich längst nicht immer um Katholiken handelt.

Es ist Aufgabe des Papstes zuzuhören, Schlüsse zu ziehen und sie dann in Lehrschreiben zu erläutern, welche die Haltung der katholischen Kirche zusammenfassen sollen. Es geht darum, der Menschheit zu helfen, «auf dem richtigen Weg» zu bleiben. Der richtige Weg ist für uns Christen eine Person – aber nein, nicht der Papst – es ist Jesus Christus. Und deshalb besteht die Aufgabe des Papstes darin, mitzudenken, wo es konkret langgehen könnte. Der Papst ist sozusagen ein Navi für Gläubige, und die Fachleute, die ihn beraten, helfen ihm, ein funktionierendes Update hochzuladen.

Text: Mario Galgano

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Der Journalist Mario Galgano wird in Zukunft regelmässig exklusiv für das forum in einer persönlichen Kolumne aus dem Vatikan berichten.

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Mario Galgano (*1980), ehemaliger Sprecher der Schweizer Bischofskonferenz, ist seit 2006 als Redaktor bei Vatican News tätig. Vatican News entstand 2017 als Nachfolgeorganisation von Radio Vatikan. Galgano lebt mit seiner Familie in Rom.

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Papst unterzeichnet neue Enzyklika «Fratelli tutti» am 3. Oktober in Assisi