Schwerpunkt

Gottesdienst ist keine Privatsache

Liturgie in Zeiten der Pandemie. Welche Erkenntnisse drängen sich dem Theologe Martin Conrad vom Liturgischen Institut auf?

Unmittelbar nach dem Lockdown begann die Pfarrei St. Peter und Paul in Zürich mit dem Streamen der täglichen Eucharistiefeier bei verschlossenen Türen. Nie waren mehr als die erlaubten fünf Personen dabei. Als wir nun den ersten Gottesdienst feierten, in der abgeschlossenen Kirche, hörten wir plötzlich, wie von draussen jemand an der Tür des Hauptportals rüttelte. Es hallte durch die fast leere Kirche. Ich werde dieses Geräusch wohl nie vergessen.

Dieses Rütteln an der Tür von jemandem, der auch teilnehmen wollte, ist für mich zu einem Zeichen der Erinnerung an eine wesentliche Eigenschaft von Gottesdienst geworden: Gottesdienst ist nie privat! Gottesdienst ist immer öffentlich, ist immer Gemeinschaft. Letztlich geht diese Überzeugung zurück auf das Wort Jesu im Matthäus-Evangeliums: «Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.» (Mt 18,20)

Dass wir Gottesdienst nicht alleine feiern und uns Sakramente nicht alleine spenden können, dass also beides wesentlich Begegnung ist, hat einen zutiefst geistlichen Grund: Die menschliche Begegnung, das Wort, das wir hören, die Berührung, die wir spüren, lassen uns etwas erfahren von dem Angesprochen-Werden und Angerührt-Sein von Gott. Die menschliche Hinwendung wird zum Zeichen für die Hinwendung Gottes zu uns. Davon leben Sakramente, davon leben unsere Gottesdienste.

Das Zweite Vatikanische Konzil hat die Liturgie einmal so charakterisiert: «durch sinnenfällige Zeichen wird in ihr die Heiligung des Menschen bezeichnet und in je eigener Weise bewirkt». Das klingt etwas verschwurbelt, meint aber genau dies: Gott handelt im Gottesdienst, Gott handelt in den Sakramenten an uns Menschen.

Dieses Handeln wird erfahrbar in menschlicher Zuwendung und in menschlichen Gesten, die wir hören, sehen, spüren und schmecken können: im Zusammenkommen als Gemeinschaft, im gemeinsamen Singen, im Verkünden des Wortes, im Auflegen von Händen, im Salben mit Öl, im Übergiessen mit Wasser, im Essen von Brot und im Trinken von Wein …

Im Corona-Lockdown waren diese Zeichen nur sehr reduziert einsetzbar. Gemeinschaft und Begegnungen, von denen die Liturgie lebt, sollten auf ein Minimum reduziert werden. Und auch jetzt noch soll in den Gottesdiensten Abstand gehalten und auf Berührungen verzichtet werden. Und doch gilt – während Corona – und erst recht danach: Wir müssen alles daransetzen, dass diese Zeichen gut und verständlich gefeiert werden. Wir müssen uns ehrlich fragen: Wird Gottes Nähe wirklich erfahrbar in der Art und Weise, wie wir Gottesdienst feiern? Und die nächste – und ebenso wichtige Frage – lautet dann: Was können wir dazu beitragen? Lassen wir zu, dass an dieser Tür gerüttelt wird!

Text: Martin Conrad, Liturgisches Institut der deutschsprachigen Schweiz

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