Gleichnisse aktuell

Macht hoch die Tür

Zu meinen schönsten kirchenpädagogischen Erlebnissen gehört es, im Sommer «Macht hoch die Tür» zu singen.

Das irritiert zunächst, löst dann aber bei Kindern, Jugendlichen und oft auch bei Erwachsenen die neugierige Frage aus: «Was soll das mitten im Sommer, der Advent ist doch noch weit weg?»;

Die Antwort ist ganz einfach: Jede Kirche ist das himmlische Jerusalem in Miniaturformat. Um daran zu erinnern, singe ich gerne vor der Tür oder im Eingang dieses bekannte Adventslied, wenn wir im Juni, meistens zum Ende des Schuljahrs, unsere kühle Kirche besuchen und an der Schwelle des Hauptportals stehen.

Weil früher am Eingang des Jerusalemer Tempels die Tore nicht mit zwei Türflügeln geöffnet, sondern «hochgemacht» wurden, ist diese Wortwahl der Bibel bis heute in unserem Adventslied stehen geblieben.

Ich erzähle dann weiter von der Fassade gotischer Kathedralen wie zum Beispiel Notre-Dame de Paris. Vor dem Eintritt «ins himmlische Jerusalem» ist dort das biblische Gleichnis vom Weltgericht nach Matthäus 25 zu sehen: Da sitzt Christus als Menschensohn und Weltenrichter in der Mitte auf dem Thron und scheidet die Menschen je nach ihrem ethischen Verhalten in zwei Gruppen. Im Türbogen einer Klosterkirche war das einmal so dargestellt: Jene, die nicht gehandelt haben, stehen zur Linken und haben verhüllte Hände; jene, die sich eingesetzt haben, nehmen teil an der Herrschaft und tragen Herrscherstäbe in der Hand.

Es hat mich immer beeindruckt, dass das Gleichnis vom Weltgericht den Impuls enthält, die Welt im Hier und Jetzt zum Guten zu verändern. Das himmlische Jerusalem und das Weltgericht wollen Symbole der Hoffnung auf eine bessere Welt sein und auf einen guten Ausgang der Geschichte. Das heisst aber nicht, dass wir die Beine hoch und die Arme in den Schoss legen dürfen. Vielmehr sollen wir Hungrige speisen, Durstigen zu trinken geben und Fremde bei uns aufnehmen. Das ist heute aktueller denn je und zeigt: Mystik geht nicht ohne Politik, Frömmigkeit ohne Werke ist leer.

Schön, dass das Gleichnis vom Weltgericht in den Gottesdiensten am Christkönigssonntag vorgelesen wird, dem letzten Sonntag im Jahreskreis. Am Sonntag danach ist 1. Advent und wir erinnern uns im Schein der ersten Kerze sicher an diesen Moment mitten im Sommer, als wir sangen «Macht hoch die Tür».

Text: Christian Cebulj, Rektor der Theologischen Hochschule Chur

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«Mach deine eigene Kirchentüre hoch» mit diesem Bastelbogen. Drucke die A4-Vorlage aus, male die Einzelteile an und schneide sie aus. Klebe zum Abschluss die Wände zusammen.