Schwerpunkt

Sakramente in Corona-Zeiten

Eigentlich ist das Leben mit dem Corona-Virus komplizierter geworden. In die Liturgien und Gottesdienste scheint es hingegen eine gewisse Leichtigkeit gebracht zu haben. Zwei Priester und zwei Pfarreiseelsorgerinnen erzählen.

Weihnachten steht vor der Türe – zumindest was die Planung angeht. Denn wenn an jenem Fest, an dem normalerweise die meisten Menschen in die Kirchen kommen, nicht alle kommen dürfen, dann braucht es rechtzeitig kreative Lösungen. In der Pfarrei Johannes XXIII. in Greifensee will man Quartierweihnachten feiern, an verschiedenen Standorten auf dem Pfarreigebiet. Im Idealfall unter Einbezug von möglichst vielen Freiwilligen, die in ihrem Quartier Mitverantwortung für diese Feiern übernehmen.

An Ostern ist etwas passiert

Das ist etwas Neues. Schon an den vergangenen Kar- und Ostertagen hatte man völlig anders feiern müssen, gezwungen durch den Lockdown. Gemeindeleiterin Hella Sodies: «Junge Erwachsene bis hin zu den älteren haben uns zurückgemeldet, dass sie noch nie so intensiv erlebt haben, wie sich das biblische Ostergeschehen mit ihrem eigenen Leben verbunden hat.» Dabei hatte man ja nicht einmal in der Kirche zusammenkommen können. Gefilmt und übertragen auf die Laptops und Computer der Menschen, wurde die Osterliturgie naturgemäss anders gestaltet, «mit klassischen Elementen, aber eben viel freier und sehr abgespeckt».

Ähnlich alternativ ist die Erfahrung von Oliver Stens: «Ich hätte mir nie in meinen Träumen ausgemalt, dass ich einmal eine Osternacht alleine bei mir zu Hause am Küchentisch feiere», sagt der Priester und Spitalseelsorger. So war es aber, als er eben an jenem Karsamstag 2020 von einem Einsatz in einem Zürcher Alterszentrum nach Hause gekommen war.

Als diensthabender Priester war er über das Priesterpikett in eines jener Häuser aufgeboten worden, in denen mehrere Menschen an den Folgen einer Infektion mit Covid-19 sterben sollten. Oliver Stens ging hin, um für sie da zu sein, das Sakrament der Krankensalbung zu spenden, eingepackt in Schutzkleidung, mit Handschuhen, das Krankenöl in einem Einweggefäss.

Sakrament ist Zuwendung

Zurück zu Hause am Küchentisch, still für sich die Osternacht begehend, sei ihm etwas neu bewusst geworden: «Mein Dienst am Nächsten, das war mein heutiger Ostergottesdienst.» Oliver Stens denkt seine Erfahrung weiter auf das, was Sakramente sind und sein könnten: «Sakramente und Seelsorge gehören zusammen, sie ergänzen sich, die Grenzen sind fliessend. Ein Sakrament ohne menschliche Nähe und Zuwendung bleibt ein leeres Ritual.» 

Das müsse doch eigentlich Folgen haben für die Frage, wer Sakramente feiern könne. «Corona hat eine Türe geöffnet. Sie könnte uns zu einem neuen Denken in der Theologie führen, auch zur Frage nach der Legitimation der Spendung eines Sakraments», so Stens.

Wer darf, wer kann Sakramente feiern? Hella Sodies sagt dazu: «Für mich persönlich ist noch viel klarer und spürbarer geworden, dass es darum gehen müsste, die Menschen selbst zu ermächtigen, Sakramente zu feiern, miteinander und füreinander.» Sie sei sich dessen bewusst, dass das kirchenrechtlichen und dogmatischen Grundsätzen widerspreche, aber «das ist die Erfahrung, und die ist erst einmal da.»

Angebot laufend

Heidi Kallenbach, René Sager, Hella Sodies und Oliver Stens

Begegnung unter dem Vordach

Pfarreiseelsorgerin Heidi Kallenbach von St. Mar-tin in Meilen erzählt: «Seit es wieder erlaubt ist, machen wir mit den Menschen draussen ab und treffen uns dann unter dem Vordach oder an der Haustüre. Wir beten miteinander und spenden ihnen die Kommunion.» Passanten nickten freundlich, manche werfen einen überraschten Blick. Ein «riesengrosser Aufwand» zwar, die Kommunion im Pfarreigebiet auszutragen, aber einer, den sie mit ihren beiden Kollegen gern auf sich nimmt. «Die Leute sollen spüren, dass wir für sie da sind, auch wenn sie nicht in die Kirche kommen können.»

Seit Pfingsten ist es wieder möglich, gemeinsam Gottesdienste zu feiern. Dass die Leute nun auch wieder kämen – mit Ausnahme einiger aus der Risikogruppe – freut und überrascht Heidi Kallenbach. «Wir können davon ausgehen, dass die Kommunion in Gemeinschaft eine grössere Bedeutung hat als angenommen. Das Feiern zu Hause hat die Sehnsucht nach der gemeinsamen Eucharistiefeier verstärkt.»

Sakramente sind gefragt

Ebenso sei es mit dem Sakrament der Taufe: «Tauffamilien sind mit Kindern gekommen, die schon älter sind. Sie haben plötzlich gemerkt, dass sie das brauchen und gerade jetzt dieses Fest feiern möchten.» Und die Beichte: «Die Menschen haben neu entdeckt, dass die sakramentale Lossprechung in der Not eine Befreiung bringen kann. Ich glaube, manche sind sich bewusst geworden, wie endlich das Leben ist», deutet die Pfarreiseelsorgerin.

Eine Erfahrung, die ähnlich auch René Sager gemacht hat. Der Priester hat im Zürcher Niederdorf ein ehemaliges Ladenlokal in eine Kapelle verwandelt. «Oremus» heisst der Ort, an den Menschen zur Anbetung vor dem Allerheiligsten kommen können, zum Gebet vor der gewandelten Hostie. Auch während des Lockdowns, allerdings mit Zugangsbeschränkung. Deutlich mehr Menschen seien bereit gewesen, eine Stunde des Gebets zu übernehmen, so Sager, und: das Beichtsakrament und die Krankensalbung seien bei ihm stärker nachgefragt. «Man darf nicht vergessen, dass durch Corona Druck auf den Leuten lastet, auch wenn er nicht sichtbar ist.»

Altes neu entdeckt

Die Notwendigkeit, Abstand zu halten, hätte dabei einer alten Tradition neuen Sinn gegeben: dem Beichten im Beichtstuhl. Von Anfang an in die Kapelle eingebaut, sei der Beichtstuhl bislang selten genützt worden. Ausgerechnet dieser habe es nun erlaubt, einfach eine Schutzfolie zwischen Priester und Gläubigen anzubringen. «Einige sind dabei auf den Geschmack gekommen, dass das Beichten an diesem Ort kostbar sein kann, weil es verborgener ist.» Vom Beichtstuhl aus kann dann auch die Krankensalbung gespendet werden: «Ich mache den Schieber auf und salbe Stirn und Hände», erzählt Sager von seiner aktuellen Praxis.

Und was, wenn das Spenden von Sakramenten wegen des Risikos einer Übertragung eine Zeit lang nicht erlaubt wäre? René Sager bringt einen Vergleich: «Wenn einem Arzt verboten würde, einem Herzkranken zu helfen – könnte er sich das verbieten lassen?»

Dass die veränderten Bedingungen auch den Umgang mit Sakramenten verändern könnten, sei ihm bisher nicht in den Sinn gekommen. «Theoretisch ist ja gegeben, was ein Sakrament ist und wie man es spenden soll. Wenn es dann wirklich ganz unmöglich werden würde, es zu spenden, dann müsste wohl geforscht werden, wo noch Potenzial ist, das wir noch gar nicht entdeckt haben.»

Angebot und Nachfrage 

Die Erfahrungen sind also vielfältig. Ebenfalls, was Seelsorgerinnen und Seelsorger davon ableiten. Auch die Angebote sind je nach Schwerpunkte des Seelsorgeteams unterschiedlich. Eines scheint gemeinsam: die Menschen reagieren darauf, suchen und schätzen es, miteinander Sakramente zu feiern. 

«Erstaunlich ist, dass sich die Leute wieder mehr Gedanken machen, was ihnen zum Beispiel die Kommunion bedeutet. Ich glaube, viele haben Vertrautes in seiner Bedeutung wiederentdeckt, als es plötzlich weggebrochen war», sagt Heidi Kallenbach.

«Das Bedürfnis nach dem Sakrament und nach der damit verbundenen Nähe ist deutlich gestiegen», sagt Oliver Stens.

«Viele haben existenziellere Erfahrungen gemacht als sonst. Zu spüren, ich darf das und kann das und es ist auch nicht weniger wert, wenn ich zu Hause im ganz kleinen Mahl feiere, das ist für viele wertvoll geworden», sagt Hella Sodies.

«Ich habe gemerkt, dass die Leute Halt finden im Gebet, in der Gemeinschaft, wenn sie merken, andere sind mit ihnen im gleichen Geist unterwegs», sagt René Sager.;

Sakramente zu feiern, ist also neu und weiterhin ein Bedürfnis. Bleibt zu hoffen, dass sich immer wieder Menschen finden (dürfen), sie miteinander zu feiern.

Text: Veronika Jehle