Bischofswahl aus kirchenrechtlicher Sicht

Änderungen vorstellbar

Dass es Bischöfe gibt, ist nach katholischer Überzeugung nicht einfach eine kirchliche Erfindung, sondern geht auf Jesus Christus selbst zurück.

Er hat die Apostel eingesetzt, als deren Nachfolger die Bischöfe gelten. Der Kirche unveränderlich vorgegeben sind im Wesentlichen auch die Aufgaben der Bischöfe. Keine klaren Vorgaben gibt es hingegen für die Art und Weise, wie diejenigen ausgewählt werden sollen, die die Weihe und das Amt der Bischöfe erhalten sollen. Das hat dazu geführt, dass es im Laufe der Geschichte höchst unterschiedliche Verfahren gab. Nach den geltenden Normen lassen sich innerhalb des Auswahlverfahrens vier Schritte unterscheiden: die Mitglieder der Bischofskonferenz machen Vorschläge, der Apostolische Nuntius überprüft die Vorgeschlagenen, er erstellt daraufhin eine Dreierliste, und schliesslich trifft der Papst mit Hilfe der zuständigen Kurienbehörde die Auswahl. Das gesamte Verfahren unterliegt der Geheimhaltung: Es findet keine Kandidatur statt. Erst ganz am Ende wird der in Aussicht genommene Kandidat befragt, ob er bereit ist, Bischof zu werden. Dem Vernehmen nach lehnen nicht wenige das ab; das ist der typische Grund für Verzögerungen.

Alternative Verfahren gibt es vor allem in den katholischen Ostkirchen. Dort wird der Bischof normalerweise von den Bischöfen der betreffenden Synode gewählt; er braucht allerdings auch dort die Zustimmung des Papstes. In einigen europäischen Ländern gibt es andere Besonderheiten: Die Bischöfe zweier französischer Diözesen werden vom französischen Staatspräsidenten ernannt. Und in einem Teil der Diözesen in Deutschland, Österreich und der Schweiz besteht ein Wahlrecht des Domkapitels. Die Besonderheiten in den genannten vier europäischen Ländern beruhen fast ausnahmslos auf Verträgen zwischen dem Heiligen Stuhl und den jeweiligen staatlichen Vertragspartnern.

Papst Franziskus hat zusammen mit dem von ihm eingerichteten Kardinalsrat wiederholt auch über die Frage einer Reform der Normen über die Auswahl der Bischöfe gesprochen. Der Papst könnte die von seinen Vorgängern erlassenen Normen ohne weiteres ändern. Davon ausgenommen sind die vertraglich vereinbarten Normen; sie können nur im beiderseitigen Einvernehmen der Vertragspartner geändert werden. Erfahrungsgemäss werden die Verträge zwischen Kirche und Staat von beiden Seiten nur ungern angetastet, weil nicht leicht vorhersehbar ist, wozu die Neuverhandlungen am Ende führen würden. Die Wahlordnung eines Domkapitels kann der zuständige Diözesanbischof ändern. Er kann dabei allerdings nur Einzelheiten ändern wie die Fristen, die Anzahl der Wahlgänge oder die nötige Stimmenmehrheit, nicht aber die Normen darüber, wem überhaupt das Wahlrecht zukommt. 

Welche Änderungen sind realistischerweise vorstellbar? Verfahren zu schaffen, die gänzlich ohne eine Zustimmung des Papstes auskommen, wird nicht in Frage kommen: In der Gemeinschaft aller Bischöfe mit dem Papst zeigt sich ja die Einheit der katholischen Kirche. Das Zweite Vatikanische Konzil hatte gewünscht, politischen Instanzen keine neuen Rechte mehr einzuräumen; durch die Vereinbarung mit China aus dem Jahre 2018 scheint das in gewissem Masse allerdings doch geschehen zu sein. Eine grössere Beteiligung der Gläubigen in der jeweiligen Diözese – etwa des Diözesanpastoralrats – würde erfordern, die Geheimhaltung aufzugeben. Das stellt vor die Frage, ob es förderlich wäre, wenn interessierte Kandidaten, wie man es aus der Politik kennt, in einem öffentlichen Wettbewerb miteinander konkurrieren.

Text: Ulrich Rhode SJ, Professor für Kirchenrecht an der Päpstlichen Universität, Rom

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Ulrich Rhode (*1965) ist Professor für Kirchenrecht an der Kanonistischen Fakultät der Pontificia Università Gregoriana in Rom und seit 2019 Dekan dieser Fakultät. Der Jesuit ist Kommissar und Konsultor in Vatikanischen Kongregationen und im Dikasterium für die Laien, die Familie und das Leben.

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«Bischof gesucht»