Gleichnisse aktuell

Ohne Absicht sein

Das Reich Gottes beschreiben? Wie? Jesus hat selbst erlebt, wie Gott sich in seinem Leben «ausgebreitet» hat.

Weil Gott von Anfang an in jedem Menschen ist, beginnt sein Reich im Kleinen und Unscheinbaren. Man kann es leicht übersehen. Es entfaltet sich von selbst und wächst heran, denn Gott hat das Wachsen und Reifen in jeden Menschen hineingelegt.

Nirgends in der Bibel ist die Rede davon, dass das Samenkorn und die heranwachsende Pflanze mit Aufwand gehegt und gepflegt werden müssten. Das ist eigentlich kaum zu glauben. Das kleinste Samenkorn wächst zu einem grossen Baum, wächst zu etwas Grossem, Kostbarem, Wunderbarem, ganz von selbst, jedenfalls ohne unseren Willen und unsere Pläne. Denn an Fähigkeiten, an Äusserem, können wir arbeiten – nicht aber am Innersten, an unserer Seele. Die wird von Gott genährt, wenn wir es zulassen.

Jesus will uns mit diesem Gleichnis überzeugen – so lese ich es –, dass wir nichts weiter zum Heranwachsen dieses kleinen Samens tun müssen, als unser Innerstes sich entfalten zu lassen. Jesus vermeidet die Moral. Er hebt nicht den Zeigefinger. Er ruft nicht zur Aktion auf. Wenn er von «Metanoia» spricht, also von der Umkehr, dann meint er die Wendung nach innen.

Wie geht das? Ich erlebe es, wenn ich Zeiten der Stille zulasse; wenn ich meine Zeit nicht ausbuche und verzwecke; wenn ich eben nichts tue, sondern einfach nur da bin. Dann, wenn ich nichts Gescheites produziere oder denken muss; wenn ich mir die Zeit nehme zum einfachen Zusammensein mit anderen.

Ich glaube, dass das uns heutigen Menschen sehr schwerfällt. Unser Alltag ist geplant bis zur letzten Minute: der Arbeitsplatz, der Haushalt, das Familien-leben, der Verkehr, der Arztbesuch. Ja, selbst noch der Urlaub. Und auch in der Religion, in unseren Glaubensgemeinschaften, nehme ich viel Aktion wahr. Immer muss etwas laufen. Wir sind wie besessen vom Anspruch der Machbarkeit und verlieren dabei oft das Eigentliche aus den Augen: Einfach nur da sein. Weil wir so arm sind an Absichtslosigkeit.

Wir könnten einfach warten und Gottes Wirklichkeit in uns wachsen lassen. Dann würden wir von selbst so wie ein grosser Baum, in dessen Schatten sich andere ausruhen können und in dem  Vögel ihre Nester bauen würden. So ist es mit dem Reich Gottes: Eigentlich wächst es ganz von selbst.

Text: Maria Kolek Braun, Seelsorgerin Psychiatrie und Regionalleiterin