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Podcast für sinnvolles Warten

Im Kantonsspital Winterthur gehen die Spitalseelsorgenden neue Wege, um auch Patientinnen und Patienten zu erreichen, die nur sehr kurze Zeit im Spital sind – und treffen damit einen Nerv der Zeit.

Wie können wir Menschen begleiten, die nur für kurze Zeit im Spital sind? Diese Frage beschäftigte das Seelsorge-Team des Kantonsspitals Winterthur KSW seit Längerem. Denn im Rahmen der Spitalreform hatte in den letzten Jahren eine Verschiebung von stationären zu ambulanten Behandlungen stattgefunden. «Bevor wir Patientinnen oder Patienten besuchen konnten, waren sie schon wieder ausgetreten», erklärt Severin Oesch, reformierter Theologe und Spitalseelsorger. Deshalb galt es, einen alternativen Weg der Kontaktnahme zu finden. Die zündende Idee: die Menschen mit Podcasts, also Audiodateien, ansprechen.

Geplant war die Aufschaltung solcher Hördateien auf der Website des KSW per Mitte 2020. Doch bedingt durch die Covid-19-Pandemie erhielt das Projekt eine unerwartete Dringlichkeit, sodass schliesslich bereits im März die ersten Beiträge zu hören waren. Haupttitel und Claim des Podcasts waren schnell gefunden: «Nicht langweilig – Der Podcast für sinnvolles Warten.» Etwas länger beansprucht jeweils die Produk-tion eines Beitrags, von denen aktuell 25 auf-geschaltet sind (plus drei Musikpodcasts). Die Mehrheit der Inputs hat eine Länge von etwa vier Minuten. «Das entspricht der Aufmerksamkeitsspanne des durchschnittlichen Hörers», weiss Severin Oesch. Verantwortlich für den Inhalt der Beiträge zeichnen die Mitglieder des neunköpfigen Seelsorge-Teams. Dabei gibt es keine Vorgaben zur Themenwahl. Laut Oesch lässt man die Wahl der Themen ganz bewusst offen, um die Vielfalt zu fördern.

Angebot laufend

Das Seelsorge-Team des Kantonsspitals Winterthur gestaltet den Podcast in eigener Regie.

Tatsächlich decken die hochgeladenen Botschaften ein breites Spektrum an Fragen und Formen ab. Da geht es einmal um Vergebung oder um Stressbewältigung, dann – unter dem Titel «Nutze den Tag!» – um eine kluge Lebensführung. «Halte dich am Bootsrand fest!», lautet die Aufforderung eines andern Autors, der zu einer Haltung des Vertrauens und der Wachsamkeit rät. Und in kurzen eineinhalb Minuten plädiert eine Theologin dafür, den Mut zu haben, ein Original zu sein. Immer wieder wird auch der Bezug zum Glauben und zur Religion hergestellt. Severin Oesch bestätigt: «Der Podcast widerspiegelt die Inhalte der Seelsorge, mit allem, was dazugehört, von der Spiritualität bis zu Fragen des Alltags und persönlichen Sorgen.»

Die Botschaften unterscheiden sich auch formal voneinander. So benutzt eine Seelsorgerin die Form des Interviews, um den Zuhörenden die Aufgabe der Nachtwachen, also jener Freiwilligen, die nachts wachend am Bett von Patienten verbringen, zu vermitteln. Gerade solche Features wolle man in Zukunft vermehrt fördern und Mitarbeitende des Spitals zu Wort kommen lassen. Denn immerhin bestehe eine enge Zusammenarbeit zwischen der Spitalseelsorge und der Institution. «Wir leben in einer Art Symbiose mit dem Spitalbetrieb», sagt der Theologe. Deshalb gehöre auch das Personal zum avisierten Zielpublikum. Das Resultat dieser gemeinsam gelebten Spitalkultur zeige sich auch in der Tatsache, dass der Podcast prominent auf der Spital-eigenen Website aufgeschaltet werden konnte. André Haas, Leiter Unternehmenskommunikation am Kantonsspital Winterthur, sagt dazu: «Unsere Spital-Seelsorgerinnen und -Seelsorger hören den Patientinnen und Patienten zu, sie begleiten sie während des Spitalaufenthaltes, nehmen sich Zeit für sie. Beim Podcast nun erzählen sie für einmal etwas den Patienten, und kehren damit die Rollen um. Eine schöne Wendung, finde ich, die beweist, dass sich eine Wartezeit, gut genutzt, in Luft auflösen kann.» Was ganz offenbar Anklang findet: Rund 300 Mal wurde die Website mit den Podcasts in den ersten zwei Monaten angeklickt. «Das zeigt, dass wir einen Nerv der Zeit getroffen haben», ist Severin Oesch überzeugt.

Themen zu finden, fällt dem Theologen Oesch jeweils nicht schwer. Die Ausgestaltung des Beitrags erfordere dann allerdings ihre Zeit. Denn es gelte, ein Thema in wenigen Minuten verständlich zu machen und zu vertiefen. Anders als etwa bei einer Predigt in der Kirche könne man im Podcast sein Gegenüber sehr viel direkter ansprechen. Auch technisch stellt das Format Podcast neue Anforderungen: Vom qualitativ guten Mikrophon über eine solide Software bis zu Kenntnissen im Schneiden und Austarieren von Beiträgen müssen Mindeststandards eingehalten werden. Dabei produziere man bewusst einfach. «Wir wollen authentisch und nahbar sein.»

Gerade dieses Persönliche ist es, das Rolf Gall an den Beiträgen gefällt. «Da hört man auch einmal die Sirene eines Krankenwagens im Hintergrund», sagt er. Rolf Gall hatte sich als Vater einer Patientin an das Seelsorge-Team gewandt. Durch seine Seelsorgerin wurde er auf das Angebot des Podcasts aufmerksam gemacht. Seither gehört er zu seinen regelmässigen Hörern. «Der Podcast hilft mir, zur Ruhe zu kommen», sagt er. Und: «Wann immer ich das Bedürfnis habe, kann ich hineinhören.» So ist ihm der Podcast zu einem Begleiter geworden, dessen Themenvielfalt er schätzt, und von dem er auch Antworten erhält. Dennoch weiss Rolf Gall, dass eine Audiodatei das persönliche Seelsorgegespräch nicht ersetzen kann.

Das sieht auch Severin Oesch so: «Das Format ist eine Erweiterung unseres Angebots und eine Möglichkeit, ein Thema zu vertiefen.» Die Zuhörerin könne sich einfach einmal zurücklehnen und einem Gedankengang vom Anfang bis zum Ende folgen. «Man kann den Podcast nutzen, wo und wann immer man will, und auch so lange man es will.» Ein weiterer Vorteil sieht der Theologe in der Reichweite. Denn mit dem Podcast könne man über das KSW hinaus eine Klientel ansprechen. So kann sich der Theologe vorstellen, dass der Dienst auch in anderen Spitälern angeboten werden könnte. Entsprechende Kontakte bestehen bereits. Vorerst aber will man den Podcast im Haus noch besser bekannt machen und Patienten mit Visitenkarten und elek-tronisch durch Infoscreens darauf hinweisen.

Auch technisch möchte Severin Oesch das Angebot noch verbessern. Etwa durch Filter, die es ermöglichen, Beiträge nach Thema oder Länge zu sondieren. Zudem möchte er den Zugang technisch vereinfachen. «Wir sind noch am Lernen», sagt er. «Das ist jetzt einfach die erste Version, die wir anbieten, und die wir angesichts der Dringlichkeit erreichen konnten.» Doch er ist zufrieden: «Die Lancierung des Podcasts ist gelungen!»

Text: Sibylle Zambo, freie Journalistin

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Nicht langweilig!

Der Podcast für sinnvolles Warten

www.ksw.ch/seelsorge

Frau K. und der Sommer

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Frau K. und der Sommer

«Abgesagt» lautete die Devise, auch im Sommer 2020. Keine weiten Reisen, kein Sommertheater unter Kastanienbäumen. Was es für Claudia Gabriel gebraucht hat, damit sie sagen kann: anders, aber trotzdem schön – das lässt sie Frau K. erzählen.