Bischofswahl aus kirchengeschichtlicher Sicht

Wer soll unser Bischof sein?

Eine Leitungsaufgabe in der Kirche ist eine religiöse Funktion, kein Management-Job. 

Wer vorbetet, die Geheimnisse des Glaubens feiert und in diakonischer Haltung anderen beisteht, handelt als Gesandte oder Gesandter Christi und der ganzen Gemeinde. Speziell gilt dies für Bischöfe, von denen Paulus den Gemeindevorstehern von Ephesus in Erinnerung gerufen hat, dass sie «im Heiligen Geist gesetzt» sind. 

Wurde in Europa irdische Herrschaft während tausend Jahren vom Vater auf den Sohn vererbt, so galt dies in der Kirche gerade nicht. Hier kam man, jedenfalls dem Recht nach, seit der Antike durch Wahl ins Amt. Eine Äbtissin, ein Abt oder ein Bischof wurden von einem Kollegium erkoren; auf diese Weise, so die Überzeugung, fand man jene Person, die dem Willen Gottes am besten entsprach. Dieses Personalauswahlverfahren war jenem der feudalen Adelsherrschaft weit überlegen: Es wurde einem religiösen Anspruch gerecht, und es erwies sich als krisensicher und dauerhaft. Allerdings war auch diese Praxis noch weit entfernt von dem, was uns heute als Selbstverständlichkeit gilt: Leitungsaufgaben in den Gemeinden waren Männern vorbehalten, und für höhere Kirchenämter kamen faktisch nur Kandidaten adeliger oder patrizischer Abstammung in Frage.

Seit zweihundert Jahren orientiert sich die Gesellschaft an veränderten Idealen: Alle Menschen sind einander prinzipiell gleichgestellt. Herrschaft wird geteilt, beschränkt und kontrolliert; wer daran teilhat, kommt durch Wahl ins Amt und muss über seine Arbeit Rechenschaft ablegen. Verändert haben sich auch die Verhältnisse in der Kirche, besonders bei der Auswahl von Bischöfen. Der Vorgang verlor nahezu überall seine alte liturgische Gestalt und wurde zum administrativen Akt, vergleichbar mit der Kaderselektion in einem multinationalen Konzern. Die Abläufe orientieren sich heute am Modus, der einst für Missionsgebiete entwickelt worden war: Eine zentrale Instanz trifft für alle Bistümer die Auswahl und bestimmt die Person. Das Prinzip ist im Zweiten Vatikanischen Konzil und im revidierten kirchlichen Rechtsbuch von 1983 allgemein festgeschrieben worden. Traditionelle Wahlverfahren mit Einbezug der zum Gebet versammelten Gemeinde sind nahezu verschwunden. In den Bistümern Chur, St. Gallen und Basel konnten sich einige Elemente der althergebrachten Bischofswahl durch die Domkapitel halten, allerdings in eingeschränkter Form. Im Bistum Chur stehen jeweils drei Geistliche zur Auswahl; das Wahlergebnis wird zuerst dem Apostolischen Nuntius in Bern und erst später den Gläubigen in Chur mitgeteilt.

In Zukunft werden sich der Kirche durchaus Chancen eröffnen, bei der Bestimmung von Leitungspersonen mit dem Niveau weltlicher Auswahlverfahren gleichzuziehen und es zu überbieten. Dafür sind Reformen notwendig. Erste Schritte haben stattgefunden: Ein Bischof tritt im Alter zurück und übt sein Amt nicht mehr aus bis ans Lebensende – eine Praxis, die sich auch der Papst zu eigen gemacht hat. Die nächste Elemente sind absehbar: Rechenschaft gegenüber der eigenen Herde, Beschränkung der Amtszeit, Teilung von Herrschaft, selbstbestimmter Zeitpunkt für die Demission. Und: ein weiter entwickeltes Wahlverfahren – transparent, ausgewogen und mit Beteiligung aller kirchlichen Gruppen. Es wird darum gehen, ein spirituelles, vom Glauben bestimmtes Verständnis zurückzugewinnen.

Text: Markus Ries, Professor für Kirchengeschichte an der Universität Luzern

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Markus Ries (*1959) ist seit 1994 Professor für Kirchengeschichte an der Universität Luzern, nach einigen Jahren als Archivar des Bistums Basel. Der promovierte Theologe beteiligte sich am universitären Forschungsschwerpunkt «Religion und gesellschaftliche Integration in Europa».

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«Bischof gesucht»