Aus bischöflicher Sicht

Bischofswahl als geistlicher Prozess

Keine Regel ohne Ausnahme. Die Regel in der lateinischen Kirche ist, dass der Papst die Bischöfe frei ernennt. 

Ausnahmen sind weltweit die Bistümer Basel und St. Gallen. Hier schlägt nicht der Papst die Kandidaten vor. Statt sie zu benennen, ernennt er den durch das Domkapitel rechtmässig gewählten Bischof. Letztlich beruht dieses freie Bischofswahlrecht auf dem sogenannten Wiener Konkordat von 1448.

Heute ist dieses Verfahren die Ausnahme. In früheren Zeiten war es die Regel. Erst mit der Herausgabe des kirchlichen Gesetzbuches (CIC) von 1917 wurde das Bischofswahlrecht ausdrücklich dem Papst zugesprochen. Die Entwicklung ist also erst hundert Jahre alt! Daran ändert auch nichts, dass man 1917 und in den Folgejahren den Eindruck erwecken wollte, das päpstliche Ernennungsrecht sei althergebracht und andere Modelle der Bischofswahl beruhten auf einem reinen Gnadenakt des Papstes. Das stimmt so nicht. Es gab schon immer unterschiedliche Wahlverfahren. Grundlegend war zu Beginn der Kirchengeschichte die möglichst breite Mitwirkung der Gläubigen und von verschiedenen kirchlichen Instanzen. Papst Leo der Grossen formulierte den Grundsatz: «Wer allen vorstehen soll, der muss auch von allen gewählt werden».

Dies ist durchaus sinnvoll. Deshalb sollten die Priester und Diakone, die Seelsorgerinnen und Seelsorger sowie die Gläubigen des Bistums in die Bischofswahl einbezogen werden. Weil die Kirche in einem Bistum zwar ganz Kirche, aber nicht die ganze Kirche ist, sind auch die Nachbarbistümer und der Papst, der eine Wahl bestätigen muss, einzubeziehen.

Die Verfahren in Basel und St. Gallen sind nicht perfekt. Dass nur im eigenen Bistum inkardinierte Priester wählbar sind, ist Ausdruck der politischen Spannungen im 19. Jahrhundert und engt die Kandidatensuche ein. Andererseits ist es unerlässlich, dass auch «einheimische» Priester auf der Kandidatenliste stehen. Von einigen Mitbrüdern weiss ich, dass es schwierig sein kann, in ein fremdes Bistum zu kommen, niemanden zu kennen und nur schwerlich Fuss fassen zu können. Zweitens hängt der Einbezug von Klerus und Gläubigen heute vom Goodwill des Domkapitels ab, ist aber nicht institutionalisiert. Das Wahlgremium repräsentiert zwar die Diözesanpriester, doch die Kirche ist weit mehr als sie. Es sind gemäss den jeweiligen kulturellen Befindlichkeiten Mechanismen zu finden, um eine angemessene Vertretung des ganzen diözesanen Volkes Gottes zu gewährleisten. Das Prozedere der Auswahl der Kandidaten und der Wahl des Bischofs darf zudem keinesfalls als demokratischer Wahlkampf gestaltet werden. Vielmehr geht es um einen Prozess der geistlichen Unterscheidung, der zu einer möglichst einmütigen Entscheidung führt. Hier kann die Kirche von den Orden lernen, die das schon längst praktizieren. Lokal von den Gläubigen getragene und zugleich universalkirchlich abgestützte Modelle zur Bischofswahl sollten nicht die Ausnahme, sondern die Regel darstellen.

Text: Felix Gmür, Bischof von Basel

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Felix Gmür (*1966) ist seit 2011 Bischof von Basel, dem grössten Bistum der Schweiz. Seit 2018 ist er Präsident der Schweizer Bischofskonferenz. Nach Studien der Philosophie, Theologie und Kunstgeschichte erwarb er einen Doktortitel im Bereich der Philosophie und der Bibelwissenschaften. Bischof Gmür ist im Dialog mit verschiedenen Strömungen innerhalb der römisch-katholischen Kirche.

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«Bischof gesucht»