zVisite 2020

Eine kleine Bewegung, die Leben bedeutet

Atem. Für den Tetraplegiker Peter Lude ist das selbständige Atmen pure Freiheit. Und in den Religionen schärft der Atem das Bewusstsein für Gott und die Gegenwart.

Einatmen, ausatmen: eine kleine Bewegung, die unser Leben prägt, vom ersten Schrei des Neugeborenen bis zum letzten Atemzug des Sterbenden. Hört diese Bewegung auf, sind wir tot. Fällt sie schwer, sind wir erschöpft. Dies hat der Psychotherapeut und Buchautor Peter Lude am eigenen Leib erfahren. Seit 36 Jahren hat er als Tetraplegiker seinen Körper kaum mehr aktiv bewegt. Dennoch erlebt er das Gelähmtsein als hochaktiven Prozess.

Bei einem Kopfsprung ins Meer verschob sich beim damals 19-jährigen Schwimmsportler ein Halswirbel. Reglos trieb er im Wasser, das Gesicht nach unten. «Sofort war mir klar: Ich bin gelähmt.» Sein Kollege dachte, Lude wolle ihm zeigen, wie lange er den Atem anhalten könne.

Prana, Ruach und Pneuma

Bei einer Tetraplegie ist auch die Atemmuskulatur betroffen. So fiel Lude in der Zeit nach dem Unfall das Atmen schwer. Die hohe innere Aktivität, das Denken und Wollen, trieb den jungen Patienten bald an einen Punkt völliger Erschöpfung. «In mir hat es unaufhörlich gearbeitet, bis ich nicht mehr konnte», sagt Lude. «Und dann plötzlich konnte ich ein Mal leicht einatmen. Für ein paar Sekunden spürte ich Weite und Ruhe, den Inbegriff der Freiheit.» Ihm wurde klar: «Wenn das mein Normalzustand werden kann, geht es mir gut – trotz aller Einschränkungen. Erschöpfung kann Erlösung bedeuten.»

Der Atem ist für die menschliche Existenz essenziell. Auch in den Religionen spielt er eine wichtige Rolle. Er wird in vielen Glaubensrichtungen gleichzeitig mit dem Geist Gottes und der Lebensenergie assoziiert. So kennt der Hinduismus diese Atem-Geist-Kombination als Prana, das vergleichbar ist mit dem hebräischen Ruach im Alten Testament oder der Lebensenergie Qi im Buddhismus. Die antiken griechischen Philosophen und Mediziner vereinten im Wort Pneuma den Hauch und den göttlichen Geist.

Bewusstsein schärfen

«Der Atem steht in vielen religiösen Meditationspraxen im Zentrum», sagt Martin Rötting, Professor für Religionswissenschaften an der Universität Salzburg. Er forscht zu Bewegung und Religion. «Die zahlreichen Atemtechniken zielen darauf ab, die ungezügelte Bewegung des Geistes zu beruhigen.» Oft lenken Emotionen und Gedanken den Menschen von der Gegenwart ab. Durch Meditationstechniken wird das Bewusstsein für das Hier und Jetzt und die göttliche Nähe geschärft. «In der Konzentration auf den Atem, der etwas sehr Konkretes ist, kann der Geist zur Ruhe kommen.»

Christinnen und Christen nutzen dafür das Herzensgebet, bei dem sie beim Einatmen «Jesus Christus», beim Ausatmen «Erbarme dich meiner» sprechen. Yogis führen mit Pranayama-Atemübungen Körper und Geist zusammen. Muslimische Sufis kennen Meditationsformen wie die der drehenden Derwische oder den Dhikr, bei dem mit ruhiger Atmung die 99 Eigenschaften Gottes rezitiert werden. Auch in mystischen Traditionen des Judentums meditieren Gläubige zum Gottesnamen und beruhigen im Einklang mit dem Atem ihren Geist.

«Der Atem ist der Ort der Gegenwart, der Ort, wo das Leben stattfindet», sagt Martin Rötting. Gleichzeitig verbinde er uns mit allen anderen Lebewesen. Denn wer lebt, der atmet.

Text: Marie-Christine Andres, ­Nicola Mohler