Impuls zum Kirchenjahr: Allerheiligen

Heiligkeit ohne Perfektion

Von den Plakatwänden und aus dem Internet kommen sie uns entgegen: unsere Ideale von Schönheit und modernem Lebensstil.

Zwar wissen wir auch um deren Grausamkeit – eigene Fotos auf Instagram können ihnen kaum je entsprechen. Dennoch sprechen uns diese Ideale an, denn sie verwenden unsere Sprache und ihre Botschaft transportieren sie mit heutigen Bildern.

Da haben es Ideale früherer Zeiten schwerer. In den Kirchen stehen sie auf Gesimsen und neben Altären und schauen meist nicht etwa zu uns, sondern verklärt nach oben. Ob diese Heiligen uns noch etwas zu sagen haben?

Bei vielen vermag auch das Abstauben nicht dazu beizutragen, dass wir einen Zugang zu ihnen bekommen. Da kann uns das Fest «Allerheiligen» befreien vom unbedingten Begreifen-Müssen einzelner Statuen. So wie schon um 609 n. Chr. das Pantheon in Rom Maria und allen Märtyrern geweiht wurde – offenbar waren Letztere meist nicht bekannt –, rückt das Fest vom 1. November nicht einzelne Heilige in unser Bewusstsein, sondern das Ideal der Heiligkeit selbst.

«Seid heilig, weil ich heilig bin!», steht im ersten Petrusbrief. Unsere Nähe zu Gott schenkt uns Heil. Auch im Pantheon fallen nicht die Heiligen auf. Das hat mit dem antiken Bauwerk zu tun, aber auch mit der offenen Kuppel. Nicht die Statuen, sondern wir schauen da plötzlich verzückt nach oben in den Himmel – und fragen uns staunend, wer den Mut für diese Himmelsöffnung hatte.

Allerheiligen lässt uns mutig aufblicken zu Gott. Beten wir nicht immer wieder «Vater unser im Himmel»? Der Himmel ist dort, wo Gott ist. Unsere Sehnsucht lässt uns Gott suchen, wenn wir den Heiligen entlang in den Himmel schauen. Dieses Fest will uns staunen lassen über unsere Berufung zur Heiligkeit.

Heilige sind Zeuginnen und Zeugen für Gottes Gegenwart in ihrem Leben. An diesem Fest nun dürfen wir selbst hoffen und staunen, dass Gott uns in allen Situationen unseres Lebens seine Gegenwart schenkt. Unsere Heiligkeit bedeutet, uns als Gottes geliebte Kinder zu wissen und so eine Hoffnung zu haben – auch dort, wo andere nur Aussichtslosigkeit erblicken. Für dieses Ideal der Heiligkeit braucht es nicht Perfektion, sondern Menschen, die alles von Gott erwarten. Das ist mein christliches Schönheitsideal.

Text: Abt Urban Federer

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Urban Federer ist 1968 geborene und in Zürich aufgewachsen. Seit 2013 ist er Vorsteher der Benediktinerabtei Einsiedeln. Im Paulusverlag ist von ihm eine Sammlung mit Meditationen zum Kirchenjahr unter dem Titel «Quellen der Gottesfreundschaft» erschienen.