Editorial

Eine Frage mit Potenzial

Wie geht es Ihnen? – was würden Sie antworten, wenn ich mir alle Zeit der Welt nehmen würde, Ihre Antwort zu hören? 

Wenn ich so viel Zeit hätte, wie es braucht, bis Sie etwas von dem erzählen konnten, was Sie ernsthaft beschäftigt? So gefragt, ist «Wie geht es dir?» eine Frage mit Potenzial. Eine wichtige Frage. So wichtig wie das tägliche Brot. Gerade jetzt, in diesem Herbst und Winter, bis der Frühling kommt.

Ich glaube, wir brauchen diese Frage jetzt. Und wir brauchen die Haltung, genau diese Frage bewusst zu stellen und bewusst zu beantworten. Denn naturgemäss tragen alle Emotionen in sich, jetzt mehr und womöglich andere als sonst. Und Erzählen wie Zuhören sind Ventile, die entlasten. Emotionen zeigen sich, können sich ordnen, vielleicht legen sie sich. Für unser je eigenes Gleichgewicht und das der Gesellschaft scheint mir das momentan immens wichtig zu sein. Zugegeben, aus der leichten Wohlfühlfrage wird dann beizeiten harte Arbeit. Ich glaube, wir brauchen diese Arbeit füreinander. Bewusst zuhören, wenn wir einander schon selten sehen und nicht umarmen können.

Josef Annen, der jüngst sein Amt als Generalvikar für Zürich und Glarus niedergelegt hat, hat mich einmal gefragt: «Wie geht es dir?» Das ist nicht selbstverständlich. Ich bin ihm dankbar für seinen Dienst, den er nach Kräften und bis zu deren Ende geleistet hat. Ich kann mir vorstellen, dass auch Papst Franziskus einer ist, der anderen bewusst zuhört. Um daraus dann Schlüsse zu ziehen, wie aktuell in seinem Schreiben «Fratelli tutti». Und wie geht es Ihnen, mit alledem?

Text: Veronika Jehle