Narrenschiff

Prinzip «Flickenteppich»

Wieder einmal geht das Schimpfwort vom «Flickenteppich» um. Das erstaunt mich, denn wir schwören schon lange auf dieses Prinzip.

Die Schweiz ist eine föderale Republik, ein Staatenbund, salopp gesagt: ein Flickenteppich von Kantonen.

Sie ist kein Zentralstaat, keine Autokratie, keine Monarchie und auch keine Diktatur. Das lernen wir im staatsbürgerlichen Unterricht.

Wenn wir wählen könnten, und das können wir in unserer Demokratie, dann wählen wir mit überwältigender Mehrheit immer wieder das Prinzip Flickenteppich.

Wir tun das auch im Blick auf un-sere Person. Wir pochen auf unsere Individualität. Wir verteidigen unsere Freiheit. Wir fordern die pluralistische Gesellschaft und verlangen deshalb öffentlichen Respekt und staatlichen Schutz für unsere Individualität. Sei es für unser Glaubensbekenntnis, für unsere freie Meinungsäusserung, für unser Privateigentum, für unsere Mobilität, für unsere Partnerschaftsformen, für unsere sexuelle Orientierung. Wir schwören an allen Ecken und Enden auf das Prinzip Flickenteppich.

In jeder Debatte um die Epidemiebekämpfung fällt früher oder später auch noch das Wort «Selbstverantwortung». Allerdings ist nach dem «Selbst» meist abrupt Schluss mit der Aufmerksamkeit. Und so bleibt bloss noch Egozentrik übrig: «Ich will tun, was ich tun will.» – «Ich bin der einzige Massstab, der zählt.»

Selbstverantwortung zu Ende gehört, ist jedoch kein Freipass für Rücksichtslosigkeit. Wer das Wort von Anfang bis Ende ernst nimmt, wird über die Auswirkungen seines individuellen Handelns nachdenken. Und er wird viel, lange und differenziert nachdenken müssen, damit er schliesslich selbst Verantwortung übernehmen kann. Sogar über Selbstkontrolle wird er sich den Kopf zerbrechen müssen, denn er wird seine Selbstverantwortungslosigkeit niemandem anhängen können, auch nicht dem Bundesrat.

Wir werden ihn noch lange aushalten müssen, den Flickenteppich, weit über die Pandemie hinaus, unser ganzes Leben lang. Denn dieses Leben ist eine Aneinanderreihung von Momenten, Entscheidungen, Erfahrungen, von denen wir nie mit Sicherheit wissen, ob sie sich am nächsten Tag noch zusammenfügen lassen.

Niemand kann sich seiner Zukunft versichern. Und niemand kann sich seine Zukunft versichern lassen. Wer das dennoch will oder es dennoch anbietet, der wird zielstrebig im Totalitarismus enden.

Das gilt auch für den Glauben. Und so ist es ein grosses Glück, dass das Christentum nach wie vor ein unübersehbarer Flickenteppich ist.

Unsere Selbstverantwortung ist dabei keine Trennschere, sondern der Faden, der den Flickenteppich zusammenhält.

Text: Thomas Binotto