Was ich einmal war ...

Karin Reinmüller

Die Physik hatte für Karin Reinmüller, jetzt Pfarreiseelsorgerin, schon immer etwas Beruhigendes.

Dass sie dabei im Gymnasium und auch im Studium eines der wenigen Mädchen mit Schwerpunkt Physik war, hat sie angespornt. So schaffte sie es bis zum damals grössten Rechner Europas – der Wetterstation in der Nähe von London. Heute ist sie hingegen leidenschaftliche Pfarreiseelsorgerin in Pfäffikon.

Über ihren Entscheid, Physik zu studieren, sagt sie heute: «Ich hatte Lust, etwas zu studieren, was viel Ordnung enthält.» Denn Ordnung war das, was sie zu diesem Zeitpunkt im Leben nicht hatte. Im Rückblick erklärt sie: «Ich konnte eintauchen in diese Welt, in der es Regeln gibt und alles funktioniert. Das hat Spass gemacht.» Neben psychischen Problemen und Krisen, mit denen sie sich zu dieser Zeit rumschlug, diente die Physik als ruhiger, sicherer Pol: «Physik war eine Welt, wo ich die Gesetze verstanden habe, nach denen sie funktioniert.»

Nach dem Studium arbeitete Reinmüller als Wissenschaftlerin, um sich weiter auf Supercomputer zu spezialisieren. Da sie unbedingt am grössten Rechner Europas arbeiten wollte, zog sie nach London und arbeitete gemeinsam mit einem Mathematiker im Bereich der vierdimensionalen Datenassimilation für die weltweiten Wetter- und Klimaprognosen. Nach zweieinhalb Jahren kehrte sie jedoch wieder zurück nach Deutschland und arbeitete weiter als Physikerin in der Finanzbranche. Schlussendlich zog sie in die Schweiz und war weiter als Software-Ingenieurin tätig.

Der Sprung zur Theologie gelang ihr dann mit 40 Jahren. Dies hatte für Karin Reinmüller vor allem mit ihrer persönlichen Entwicklung zu tun. Nachdem sie genug Abstand von ihrer eigenen Kindheit hatte, die alles andere als einfach war, konnte sie sich ihren «inneren Drachen» endlich stellen. Mit diesen «Drachen» meint sie insbesondere psychische Probleme, die die schwierige Kindheit mit sich brachte. Mit viel Gelassenheit erklärt sie heute, dass sie erst mit 40 Jahren bereit war, sich mit ihrer Vergangenheit auseinanderzusetzen. Heute meint sie: «Die Theologie war für mich ein Moment, in dem ich persönlich gefordert war, einen Schritt mehr zu der zu werden, die ich eigentlich bin.»

Die Naturwissenschaften begleiten sie jedoch weiterhin – ab und zu auch im Pfarreileben. Karin lacht und meint: «Ab und zu kann ich auch eine Predigt zum Universum oder Urknall halten.» In den Naturwissenschaften hat sie schon immer Spuren Gottes gefunden. Als Physikerin wieder einzusteigen, kann sie sich jedoch nur als Nebentätigkeit vorstellen. Momentan hat sie ihren Platz, so scheint es, vollumfänglich gefunden.

Text: Luana Nava, freie Mitarbeiterin

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Nicht nur nach Rom führen viele Wege, sondern auch zur Theologie. Wir porträtieren in loser Folge Seelsorgerinnen und Seelsorger im Kanton Zürich, die zuvor einen anderen Beruf erlernt haben.