Gleichnisse aktuell

Kein Weizen ohne Unkraut

Es gibt Menschen, die die Welt gerne klar und geordnet hätten.

Sie würden es begrüssen, wenn das Schlechte gleich erkennbar wäre, um das Gute davon zu reinigen. Im Alltag kann das schon beim Gärtnern so gehen. Man befreit das Beet regelmässig von Wildwuchs, damit die Nutzpflanzen gut gedeihen.

Warum warnt Jesus dann im Gleichnis davor, dass man dabei das Unkraut zusammen mit dem Weizen ausreissen könnte? In Israel wächst der Taumel-Lolch, der dem Weizen zum Verwechseln ähnlich sieht. Er selbst ist nicht giftig, kann aber von einem gefährlichen Pilz befallen sein. Unter der Erde umschliesst der Lolch die Wurzeln des Weizens. Zieht man an ihm, reisst man mit ihm den Weizen aus.

Mit diesem intelligenten Vergleich konnte Jesus seinen Jüngern die Augen öffnen. Deshalb nahm Matthäus die Erzählung wohl auch für seine Gemeinde ins Evangelium auf. Im Jüngerkreis und bei den späteren Christen gab es immer welche, die sich für rechtgläubiger und heiliger hielten als die anderen. Diese hätten am liebsten das Unkraut – also die Laschen und Zweifelnden – aus der Gemeinde ausgeschlossen. Doch Jesus lebte vor, dass Gott allen Menschen Chancen zur Umkehr gibt und ihnen Zeit lässt.  Es ist oft schädlich, zu früh zu urteilen und einzugreifen. Auch heute in der Weltkirche würde uns eine Haltung der Pluralität guttun. So mancher Taumel-Lolch kann sich doch noch als guter Weizen entpuppen oder umgekehrt.

Auch unser Inneres ist solch ein Acker, auf dem Unkraut und Weizen nicht einfach nebeneinander wachsen. Viele unserer Gefühle und Handlungen sind miteinander verbunden. Zum Beispiel steckt in aller Selbstlosigkeit auch ein Anteil von Ichbezogenheit, und das ist gesund. Wer nicht auf seine Bedürfnisse und nur auf die der anderen schaut, vernachlässigt sich selbst und verliert dadurch wiederum Kraft für andere.

Wenn wir allerdings akzeptieren, dass Unkraut und Weizen gemeinsam wachsen, wird der Weizen aufgehen. Wir sollten Fehler nicht brutal und perfektionistisch ausrotten. Der Preis dafür wäre, dass am Ende nichts Frisches und Neues mehr in uns heranwächst. Wir dürfen uns freimachen vom Zwang, alles bewerten zu wollen. Jesus hat gezeigt, wie Gott mit uns umgeht: Unsere Chancen entstehen durch seine Geduld und Gnade.

Text: Michaele Madu, Pastoralassistentin Katholische Pfarrei Volketswil