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Dürfen Christen reich sein?

Ein Gemeindeleiter spricht Klartext: «Wer den Nächsten liebt wie sich selbst, besitzt nicht mehr als der Nächste. Denn die Sorge für die Armen verzehrt den Reichtum.» – Werden ihm seine Gemeindemitglieder folgen?

Der Gemeindeleiter mit der unmissverständlichen Forderung war der Mönch und spätere Bischof Basilius von Caesarea in der zweiten Hälfte des 4. Jahrhunderts. Ausgangspunkt für seine Predigt war das Gespräch von Jesus mit einem reichen jungen Mann. Es endet mit der Aufforderung: «Verkaufe alles, was du hast, und gib es den Armen!»

Der Autor des Matthäusevangeliums räumt dieser Geschichte vom reichen Jüngling viel Platz ein. Die Frage nach der Vereinbarkeit von Reichtum und Christsein erschien ihm offensichtlich wichtig, vermutlich da sie in seiner Gemeinde am Ende des 1. Jahrhunderts diskutiert wurde.

Auch Basilius von Caesarea hielt seine Predigt «An die Reichen» aus einem konkreten Anlass: Die Kluft zwischen Steinreichen und Bettelarmen in seiner Gemeinde war gross. Die Frage «Dürfen Christen reich sein?» beschäftigte die frühen Gemeinden also von ihrem Beginn an und über Jahrhunderte hinweg. Immer wieder suchten sie Antworten in den Worten Jesu und fanden Parallelen zu philosophischen Strömungen ihrer Zeit, denn auch die Philosophen fragen seit jeher: «Kann ein tugendhafter Mensch reich sein?»

Antike und jüdische Einflüsse

In den ersten Jahrhunderten des Christentums warfen Gegner den Gläubigen gerne vor, sie seien alle ungebildet und arm – eine Polemik, die weit von der Wirklichkeit entfernt war. Christliche Autoren reagierten damit, Armut zum Ideal zu erheben und sich scharf abzugrenzen von den Heiden, die sie als von Habgier besessen darstellten.

Reichtumskritik und Armutsideal sind jedoch uralt und keine Erfindung der Christen. Die Pythagoreer beispielsweise, eine philosophische Gruppierung des 6. Jahrhunderts vor Christus, sollen in einer besonders strengen Form der Gütergemeinschaft gelebt und kein Privateigentum anerkannt haben. Ab dem
5. Jahrhundert vor Christus treten Kyniker auf den Plan, die danach strebten, nur das Allernotwendigste zu besitzen, um so innere Unabhängigkeit zu erlangen.

Diese philosophischen Strömungen spielten in der umfangreichen klassischen Bildung, die auch die christlichen Autoren genossen, eine grosse Rolle und flossen in ihre Werke mit ein.

So kommt es, dass Clemens von Alexandria im 2. Jahrhundert in seiner Schrift «Welcher Reiche wird gerettet werden?» eins zu eins Schlüsselbegriffe aus der Reichtumskritik der philosophischen Schule der Stoa benutzte.

Der Evangelist Lukas wiederum übernahm für seine Beschreibung der Gemeinschaft der Jünger sprachliche Wendungen der Pythagoreer. Tatsächlich ist es möglich, dass die Jünger pythagoreische Vorstellungen der Gütergemeinschaft kannten. Im Judentum gab es vom Pythagoreismus beeinflusste Ordensgemeinschaften wie die Essener, die Gütergemeinschaft praktizierten und Reichtum ablehnten. Auch Philon von Alexandria, ein einflussreicher jüdischer Philosoph und Theologe um Christi Geburt, lehrte in seinen Spätwerken die Verachtung des Reichtums.

Ein Grafiker an der Arbeit beim Gestalten der im März 2016 herausgebrachten neuen Schweizer 50 Franken Banknote.

Ein Grafiker an der Arbeit beim Gestalten der im März 2016 herausgebrachten neuen Schweizer 50 Franken Banknote. Foto: Keystone

Bogenauslage Offsetmaschine, geöffnet, beim Druck von Schweizer 50 Franken Banknoten.

Bogenauslage Offsetmaschine, geöffnet, beim Druck von Schweizer 50 Franken Banknoten. Foto: Keystone

Ein Drucker bereitet Druckbögen der Schweizer 50 Franken Banknoten für den Zuschnitt vor.

Ein Drucker bereitet Druckbögen der Schweizer 50 Franken Banknoten für den Zuschnitt vor. Foto: Keystone

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Positionen früher Christen

Die Positionen früher Christen zu Reichtum reichten von kategorischer Ablehnung bis hin zur Auffassung, Reichtum sei ein Zeichen göttlichen Segens. Besonders radikal war die For-derung des britischen Laienmönchns Pelagius und seiner Schüler im 4. und 5.  Jahrhundert: Alle Christen müssen ohne Kompromisse auf Reichtum verzichten!

Seine Begründung: Reichtum ist immer das Ergebnis von Ungerechtigkeit. Wer reich ist, hat sich widerrechtlich Güter angeeignet, die Gott allen zur Verfügung stellt. Auch Spenden sind nur ein Vorwand der Reichen, um damit ihren Reichtum zu rechtfertigen. Selbst die Heiden geben den Armen Almosen, um sie für sich zu gewinnen.

Solche radikale Positionen erlaubten sich in der Regel nur Laien. Die Kirche lehnte sie in der Synode von Gangra um 342 ab, konnte aber nicht verhindern, dass sie einflussreich blieben. In der Folge forderten die meisten Asketen und Mönche zwar Besitzverzicht für die christliche Elite, sprich für Priester, Bischöfe, Mönche und Asketinnen, nicht aber für einfache Christinnen und Christen.

Für die Mehrheit der Laien galt spätestens ab Augustinus der Leitsatz: Es ist schwer, reich und christlich zu sein, aber nicht unmöglich.

Die Argumente der Kirchenschriftsteller sind zahlreich. Cyprian und Johannes Chrysostomus betonen die Vergänglichkeit des Reichtums. Es vertrage sich nicht miteinander, an das Jenseits zu glauben und gleichzeitig seine Hoffnung auf Reichtum zu setzen.

Viele Autoren beobachten zudem, dass Besitz das Herz der Menschen einnimmt. Wer reich sei, werde schnell habgierig und fürchte ständig um seinen Besitz. Im schlimmsten Fall verehre der Mensch Reichtum wie einen Gott. Reichtum sei deshalb ein Hindernis, um zu Gott zu gelangen.

Wie der reiche junge Mann im Matthäus-evangelium, der sich traurig abwandte, als Jesus ihn aufforderte, seinen Besitz wegzugeben und ihm nachzufolgen, so hängen auch wir an unserem Besitz. Hermas, dessen Werke in den Gottesdiensten des 2. und 3. Jahrhunderts viel gelesen wurden, warnt deshalb, dass Reichtum eine Verführung des Teufels sein könne.

Die Warnung vor den Gefahren des Reichtums zieht sich durch alle frühen christlichen Texte. Dennoch bezeichnen nur wenige Kirchenväter Reichtum an sich als schlecht. Clemens von Alexandria schreibt diplomatisch, Reichtum sei weder gut noch schlecht. Es hänge davon ab, wie der Besitzer ihn gebrauche.

Der Leiter einer Katechetenschule des 2. Jahrhunderts hält fest: Der Mensch ist nur Verwalter des Reichtums, den Gott ihm gegeben hat. Entsprechend hat er immer nur ein eingeschränktes Verfügungsrecht darüber. Reichtum könne segensreich sein, aber nur wenn er ehrlich erworben würde und dann bedingungslos und vollumfänglich für den Dienst am Nächsten eingesetzt werde.

Die unbedingte Voraussetzung für einen guten Umgang mit Reichtum sei deshalb, so Clemens, die innerliche Distanz von diesem. Das Ideal lautet nun nicht mehr materielle Armut, sondern Armut im Geiste. Clemens betitelte seine Schrift mit der Frage: «Quis dives salvetur?» («Welcher Reiche wird gerettet werden?») Und seine Antwort lautet: Nur derjenige, der seinen Reichtum an die Armen verschenkt.

Formatschnitt der Schweizer 50 Franken Banknote.

Formatschnitt der Schweizer 50 Franken Banknote. Foto: Keystone

Stappel der Schweizer 50 Franken Banknote.

Stappel der Schweizer 50 Franken Banknote. Foto: Keystone

Der fertige 50 Franken Schein geht in den Umlauf.

Der fertige 50 Franken Schein geht in den Umlauf. Foto: Keystone

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Von der Theorie zur Praxis

So weit die Theorie. Wie aber setzten die ersten christlichen Gemeinden diese in die Praxis um?

In der Apostelgeschichte beschreibt Lukas die ideale Urgemeinde. Wer zur Gemeinde gehören wolle, solle seinen Besitz an die Gütergemeinschaft abgeben. Doch Paulus muss die Korinther, Galater und Philipper in seinen Briefen gebetsmühlenartig ermahnen, die Hoffnung nicht auf Reichtum, sondern auf Gott zu setzen.

Dies zeigt eindrücklich, dass Gütergemeinschaft bereits kurz nach Jesu Tod eher ein Ideal war, als dass sie der Wirklichkeit entsprochen hätte. Spätestens im 4. Jahrhundert lebten Teile der Christengemeinschaft weit vom Armuts-ideal entfernt. Das geht aus der Kritik des Pelagius an aristokratischen Christen in Rom hervor, die sich rücksichtslos bereicherten.

Der Kirchenvater Hieronymus hat um 400 gefragt: «Dürfen wir schwerbeladen mit Gold dem armen Christus nachfolgen?» – Fragen wir uns das heute immer noch?

Die soziale Ungleichheit, die antike Christinnen und Christen herausforderte und dazu inspirierte, über Reichtum zu diskutieren, besteht im 21. Jahrhundert noch genauso. Dennoch trauen sich Politikerinnen und Politiker, abgesehen von einzelnen Ausnahmen wie Alexandria Ocasio-Cortez, kaum mehr, Vermögens- und Erbschaftssteuern zu fordern.

Gütergemeinschaft in christlichen Gemeinden einzuführen, scheint undenkbar geworden. Armut gilt eher als Stigma denn als Ideal. Und nicht wenige behaupten, Armut sei selbst verschuldet und Sozialhilfeempfänger seien faule Schmarotzer und Betrüger, weshalb beispielsweise das in der Bundesverfassung verankerte Menschenrecht auf Schutz der Privatsphäre für sie nicht gelte.

Dennoch keimt in der säkularisierten Gegenwart ein Trend zum Minimalismus auf – freilich ein Luxus, den sich nur wohlhabende Bürgerinnen und Bürger des Westens leisten können. Und in der Debatte um die Konzernverantwortungsinitiative wurde auch betont, dass Reichtum zumindest nicht auf Kosten anderer erworben werden dürfe.

Jesus indes bleibt unmissverständlich: «Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt.» Vielleicht sollten wir uns mit dieser Mahnung wieder ernsthafter auseinandersetzen – so wie es schon die ersten Christinnen und Christen getan haben. Gerade weil wir alleine schon durch unseren Wohnort zu den Reichen der Weltbevölkerung gehören.

Text: Miriam Bastian, freie Mitarbeiterin

Wie reich darf man sein? Gespräch über Reichtum und Moral

Sternstunde Philosophie