Gleichnisse aktuell

Schlaflos oder wach

Schlaflose oder durchwachte Nächte – dafür gibt es unterschiedliche Gründe. 

Für die einen ist es der Vollmond, der sie nicht schlafen lässt, anderen lässt das kranke Kind keine Verschnaufpause, selbst in der Nacht. Wieder andere haben Nachtdienst im Spital oder machen schlicht eine Party-Freinacht bis in die Morgenstunden. Berühren wir mit solchen Alltagsbeispielen schon das, was dem Ruf zur Wachsamkeit in der Bibel entspricht? Dem also, was von Jesus in Gleichnissen angesprochen wird und was er in seinen letzten nächtlichen Stunden am Ölberg nochmals einfordert: «Wachet und betet»? Im Gleichnis aus dem Lukas-Evangelium sagt er: «Selig die Knechte und Mägde, die der Herr wach findet.» Zumindest in dieser Hinsicht wären damit ja alle Nachtmenschen und jegliche Nachtschwärmer bevorzugt. 

Es legt sich mir noch ein aktueller Bezug nahe, der zu den modernen Möglichkeiten zählt. Zur (nächtlichen) Einbruchssicherung ist es nämlich heutzutage gar nicht mehr nötig, selber wach zu bleiben. Dafür haben wir ja Überwachungskameras, welche diese Aufgabe übernehmen. Wieso als noch selber wachen? 

Natürlich geht es im Gleichnis Jesu nicht um die Frage nach Überwachungskameras. Trotzdem: Es gibt viele Weisen, den biblischen Weckruf zu überhören oder zu verschlafen. Und es geht hier um einen Weckruf. Die erwähnten Überwachungskameras stehen hier für die Möglichkeit einer Sicherheit, die dem Leben gegenüber zu Unachtsamkeit und Schläfrigkeit verleitet. Wer zur Ansicht gelangt, «mir kann nichts mehr passieren», kann leicht in eine Lebensweise geraten, dass wirklich nichts mehr passiert an Neuem, an Staunenswertem. Total abgesichert, abgeschirmt und überwacht können uns überraschende Momente des Glücks entgehen. 

Zugegeben, das biblische Bild vom Dieb, der unerwartet einbricht, ist krass. Offenbar traut uns Jesus längerfristig eher nicht zu, dass wir dranbleiben beziehungsweise zu Hause sind, also «bei uns» sind, wenn es darauf ankommt. Denn das scheint die Pointe vom Gleichnis zu sein: das eigene Lebens-Haus nicht verwaist dastehen lassen, gut bei mir sein, damit Er zu mir kommen kann. Könnte es sein, dass wir das Leben draussen suchen, währenddessen es (nächtlicherweise) längst bei uns anklopft?

Text: Stefan Staubli, Pfarrer in Winterthur