Editorial

Wie hältst du’s mit der Armut?

«Er liegt dort elend, nackt und bloss.» So singen wir in einem bekannten Weihnachtslied.

Einmal im Jahr feiern wir Christinnen und Christen voller Innbrunst die Armut. Das arme Kind in der Krippe. Die armen Eltern daneben. Die armen Hirten auf dem Felde. Tausendfach werden daraus immer wieder neue Weihnachtsgeschichten geformt. Geschichten, in denen die Armen zu Recht und Würde kommen.

Wie aber halten wir es denn das restliche Jahr hindurch mit der Armut?

In drei von vier Evangelien wird ein Ausspruch von Jesus überliefert, der geradezu brutal ist: «Leichter geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt.» Und zwar mit Nachdruck brutal: «Jesus aber sagte noch einmal zu ihnen: Meine Kinder, wie schwer ist es, in das Reich Gottes zu kommen! Leichter geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt.»

Seither ist Reichtum ein Stachel im Fleisch des Christentums. Schon die ersten Christen haben sich deshalb der Frage gestellt: «Dürfen Christen reich sein?» Und immer wieder haben sie den Versuch unternommen, das Nadelöhr etwas grösser und das Kamel etwas kleiner zu machen. Sie waren damit nicht alleine. In allen Kulturen und Religionen wird Reichtum auch in Frage gestellt.

Reich ist man nicht erst, wenn man Millionen hat. Und arm wird man nicht dadurch, dass jemand anderer mehr besitzt. In der reichen Schweiz sind die meisten Christinnen und Christen reich. Und wenn diese nicht ernsthaft ihren Reichtum zur Diskussion stellen, dann sind all die süss-armen Weihnachtsgeschichten blosser Kitsch.

Text: Thomas Binotto