Schlusstakt

gemeinsam – ensemble – insieme – ensemen

«Jedes Opfer ist ein Opfer zu viel!» – Wie oft haben wir das in vergangenen Jahren beschworen! Wenn es um Opfer von Waffengewalt ging, um Opfer von sexueller Gewalt, um Opfer im Strassenverkehr …

Und nun? – Sind wir wirklich so weit, dass wir über 5000 Mitbürgerinnen und -bürger, die an Covid-19 gestorben sind, mit einem Achselzucken verabschieden?

Ich bin nicht naiv und leide auch nicht an Allmachtsphantasien. Mir ist völlig klar, dass wir nicht alle Opfer verhindern können. Das ändert aber nichts an der Grundhaltung: «Jedes Opfer ist ein Opfer zu viel!» Und wenn es um Menschen geht, gehört das Wort «Kollateralschaden» verboten, weil es ein Wort voller Kälte und Berechnung ist.

Wer einen geliebten Menschen durch Covid-19 verliert – wer nach überstandener Krankheit unter irreparablen Lungenschäden leidet – wer wegen überlasteter Spitäler auf seine Krebsbehandlung warten muss – sie alle haben nicht bloss einen kollateralen Schaden erlitten. Sie alle sind das eine Opfer zu viel.

Diese Pandemie ist keine knifflige Gleichung, die wir lediglich mit den richtigen Zahlen füttern müssen, damit sie aufgeht. Es ist ebenso zynisch wie stupid, wirtschaftliche Massnahmen mit Todesfällen verrechnen zu wollen. Was denken Sie, wie würde ich mich wohl entscheiden, wenn man mich vor die Wahl stellen würde, entweder meine Eltern oder mein Stammlokal sterben zu lassen?

Im Frühjahr haben wir landauf, landab unsere Solidarität beschworen. Davon hört man in diesen Tagen nicht mehr viel. Dabei müsste Solidarität nach wie vor unsere oberste Priorität, unser kollektiver Antrieb, unser gemeinsames Ziel sein.

«Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!» Damit werden wir den Virus zwar nicht auslöschen, aber Nächstenliebe ist der entscheidende Schlüssel, wenn wir diese Krise überstehen wollen, ohne dabei schrecklichen Verrat an der Menschlichkeit zu begehen. Und ich wünsche mir sehr, dass wir uns auch 2021 ohne Scham in die Augen sehen können.

«Liebe deinen Nächsten wie dich selbst» ist kein Kalenderspruch für Gutmenschen. In der Nächstenliebe steckt ganz viel Rationalität. Wenn wir nach dieser Maxime handeln, dann werden die Fallzahlen sinken, dann werden die Opfer weniger und und dann wird auch die Wirtschaft davon profitieren.

Wer seinen Nächsten liebt, für den ist jedes Opfer ein Opfer zu viel. Erst dadurch wird er zu einem Handeln fähig, das Opfer vermeidet – und erst dann wird er über jene Opfer trauern können, die sich trotz allem nicht vermeiden lassen.

Text: Thomas Binotto

Angebot laufend

Eine Gruppe von Seelsorgerinnen und Seelsorger hat für den 31. Dezember mit dem Hashtag #LichtInDerTrauer zu einer dezentralen Trauerkundgebung aufgerufen. An 100 Orten in der gesamten Schweiz sollen Kerzen für jene Menschen angezündet werden, die an Covid-19 gestorben sind.