Editorial

Zulassen und gestalten

Was soll schon neu sein am begonnenen Jahr?

Es gibt nun zwar eine Impfung, aber bis diese Wirkung zeigt, wird es dauern. Noch halten wir Distanz, sind wir möglichst im Homeoffice, zittern um angesteckte Angehörige oder uns selbst, schränken Kontakte ein, sind ob all dem bedrückt und ermüdet.

In unserer Familie haben zwei im Dezember Geburtstag. Da wir inzwischen in mehreren Haushalten leben, entstand ein Problem: müssen wir das liebgewordene Ritual, dass an einem Geburtstag alle zusammen fröhlich essen und plaudern, aufgeben? Bis jemand auf die Idee kam: Warum nicht auf dem Balkon feiern? Die Vorstellung liess erst mal alle schlottern. Doch dann – in Skianzügen, mit Wärmekissen, Glühwein, heisser Suppe, einem wunderbar warm leuchtenden Weihnachtsstern und vielen Kerzen wurden die Geburtstage zum ganz besonderen Erlebnis.

Am Sonntag nach Weihnachten feiert die Kirche das Fest der Heiligen Familie, je nach Lesejahr mit der Geschichte der Flucht nach Ägypten, der Darstellung Jesu im Tempel oder dem Verlieren und Wiederfinden des zwölfjährigen Jesus in Jerusalem: Da geht es um den Verlust von Heimat und Sicherheit, um die Ankündigung eines «Schwertes, das dein Herz durchdringt», um die angstvolle Suche nach einem verlorenen Kind. Maria und Josef sträuben sich nicht dagegen. Sie lassen Leid, Angst und Sorgen zu, lassen sie aber auch wieder los. Mit offenem Herzen lassen sie sich auf unerwartete Situationen ein und erleben, dass daraus Neues entsteht: Jesus wird zum «Licht der Welt», das über Jahrhunderte Hoffnung, Mut und Kraft für neue Wege gibt.

«Man muss am Anfang des neuen Jahres gar nicht so viel tun, einfach das Neue zulassen.» Dieser Satz hat mich ins Neue Jahr begleitet. Das Training im Fitness-Studio mag nicht möglich sein – das Training, immer wieder Situationen und Emotionen loszulassen und Neues zuzulassen, wird uns 2021 innerlich fit halten.

Text: Beatrix Ledergerber