Editorial

Hören macht selig

Die Klage ist permanent und flächendeckend: Die Kirche müsse zeitgemässe Formen für die Verkündigung finden.

Solange diese zeitgemässen Formen mitreissend, gekonnt, sorgfältig und ehrlich gepflegt werden, ist dagegen ja nichts einzuwenden.

Aber der Drang zur Verkündigung hat auch eine verhängnisvoll egozentrische Kehrseite. Das ewige Ringen um Ausstrahlung verleitet dazu, sich nur noch als Sender zu verstehen. Schlimmstenfalls gar als Besitzer und Spender der Guten Botschaft.

Das Wort «Seelsorge» führt uns auf eine andere Spur. Unsere grösste Sorge gilt nicht der Kirche, nicht einmal ihrer Botschaft. Unsere grösste Sorge gilt der Seele, griechisch psyche. Und die hilfreichste Gabe von Seelsorgerinnen und Seelsorgern, von Psychologinnen und Psychologen ist das Zuhören. Nicht das Dozieren, egal wie trendig und Social-Media-mässig es betrieben wird.

In der Pandemie haben viele Pfarreien das Hören neu und intensiv gepflegt. Und so haben sie vernommen, dass unsere Seelen unter Einsamkeit und Isolation leiden. Unter dem Verlust menschlicher und körperlicher Nähe. Unter Zukunftsängsten und existenzieller Not. Und auch darunter, dass uns das Teilen unserer Freuden fehlt. Das haben sie gehört – und wurden dann von der Guten Botschaft bestärkt, uns ihre Sorge anzubieten.

Die Welt braucht dringend gute Zuhörerinnen und Zuhörer. Sie braucht Menschen, die sich permanent und flächendeckend um zeitgemässe Formen des Zuhörens bemühen. Denn gutes Zuhören ist – das weiss ich leider aus eigenem Versagen – so viel anspruchsvoller als gekonntes Verkündigen. Es ist aber auch viel wichtiger. Es wäre sogar einen Versuch wert, nach dem Zuhören ganz einfach Gutes zu tun – und andere darüber reden zu lassen.

Text: Thomas Binotto