Glaubens-Perspektiven

Unser Hauptnahrungsmittel

2020 hat uns gelehrt, wie hilfreich es ist, «resilient» zu sein.

Das meint, in Herausforderungen psychisch widerstandsfähig und flexibel zu sein und aktiv mit neuen Situationen umzugehen. Das werden wir vermutlich auch 2021 brauchen.

Wie können sich denn Kinder positiv entwickeln, trotz eventuell widriger Umstände? Dazu sind die Forschungsergebnisse eindeutig: Entscheidend ist, dass zumindest eine enge Bezugsperson da ist, die sich liebevoll um das Kind kümmert und Orientierung gibt. Sicher und geborgen, gesehen und begleitet sowie mit anderen Menschen verbunden zu sein, das ist das «Hauptnahrungsmittel» – für Kinder und Erwachsene. Zugleich erleben wir, nicht nur wegen Covid-19, manchmal alleine oder gar einsam zu sein. Oder dass zwar Menschen da sind, wir einander aber nicht wirklich sehen, uns nicht verstehen.

Religion kommt von «religio» und wird meist verstanden als sich binden, sich rückbinden, sich fest machen. Vor allem in der jüdisch-christlichen Tradition wird die Beziehung zwischen Gott und dem Menschen häufig als Bindung, als Verbindung, als «Bund» dargestellt: Da ist ein Gegenüber, «ein Gesicht», das über dem Menschen «leuchtet» und da ist. So heisst es im «Aaronitischen Segen» im biblischen Buch Numeri: «Gott segne und behüte dich. Gott lasse sein Angesicht über dich leuchten.» Dies ist für uns Menschen eine grundlegend wichtige Erfahrung: Dass da jemand ist, der/die sich uns zuwendet.

Jüdisch-christlich wird der Name, also das Wesen Gottes, erfasst mit den vier Buchstaben: JHWH – «Ich bin da. Ich bin da, als der/die ich da sein werde.» Das Zentrum, der Name Gottes, ist ein Beziehungsangebot. Diese Botschaft ist verknüpft mit der Zusage: «Fürchtet euch nicht. Habt keine Angst.» 365 Mal findet sich diese Zusage in der Bibel – als wäre es notwendig, diese Botschaft jeden Tag aufs Neue zu hören. Auch am Beginn und am Ende des Weges von Jesus steht diese Botschaft des «Ich bin bei dir» und «Fürchtet euch nicht». In Jesu Handlungen und Worten wird dies erfahrbar und sichtbar: Der Gott der Bibel, der Gott Jesu, verspricht den Menschen kein einfaches und unkompliziertes, auch kein leidfreies Leben, aber ein begleitetes Leben. Jüdisch-christlicher Glaube kann verstanden werden als Angebot für ein begleitetes Leben – über den Tod hinaus.

Resonanz und Beziehung, einander antworten, einander nicht alleine lassen mit den jeweils eigenen Erfahrungen und Empfindungen, Herausforderungen und Nöten – das ist auch die zentrale Haltung Jesu. Menschen sind bis heute eingeladen zu einem solchen Handeln. Für das noch junge Jahr 2021 wünsche ich mir und uns allen, dass ich mich – mit kleinen Gesten – anderen Menschen und auch mir selbst zuwenden werde.

Text: Helga Kohler-Spiegel

Im echten Leben

Angebot laufend

Kopf Welchen Aufgaben, welchen Menschen habe ich mich in der letzten Zeit zugewandt? Wem oder was möchte ich mich in der kommenden Zeit mehr zuwenden? Mir selbst? Meiner Gesundheit? Einem anderen Menschen?

Herz Wie ein Morgen- und Abendgebet: Jeden Morgen, jeden Abend wendet sich mir «jemand» zu, den die Menschen «Gott» nennen, der/die es gut mit mir meint. Mit dieser Kraft kann ich mich täglich verbinden.

Hand Das Wort «Zuwendung» beschreibt eine Bewegung. Gerne empfehle ich, sich im Verlauf eines Tages immer mal wieder einer Person oder einer Sache ganz bewusst und konkret zuzuwenden.

Angebot laufend

Helga Kohler-Spiegel ist Professorin für Human- und Bildungswissenschaften an der Pädagogischen Hochschule Vorarlberg. Die Psychotherapeutin arbeitet auch als Supervisorin und Lehr-Supervisorin.