Editorial

Alltagsverzicht

Der selige Heinrich Seuse war nicht nur einer der bedeutendsten Theologen des 14. Jahrhunderts – er war auch bekennender Askese-Extremist.

In seiner Autobiografie – der ersten in deutscher Sprache – beschreibt Seuse drastisch, wie er seine Askeseübungen immer heftiger und schmerzhafter gestaltete. Am Ende nagelte er sich sogar ein Kreuz auf den Rücken. Versteht sich von selbst, dass vor der Nachahmung solcher Übungen dringend abgeraten werden muss. Seuse jedoch war darauf mächtig stolz, weil er sich so in der Christusnachfolge ganz weit vorne sah.

Bis er dann eine Vision hatte, die ihm den Asketenstolz gründlich austrieb. In dieser Vision machte ihm Gott klar, dass solche hirnverbrannten Übungen genauso wenig zu einem christlichen Leben führen wie kaltes Duschen.

Diese Vision ereignet sich ganz ohne Theatereffekte: Seuse sah einen Hund, der mit einem Putzlappen spielte. Ihm wurde unmittelbar klar, dass es völlig unnötig ist, sich Leiden und Verzicht selbst aufzuerlegen. Das Leben würde ihn ganz von selbst wie einen Putzlappen behandeln.

Damit war Seuse nun ganz auf der Linie der offiziellen Kirche. Diese sah damals die Hochleistungsaskese nämlich gar nicht gerne, denn sie vermutete – ganz schön weise –, dass Askese nicht selten vom Hochmut begleitet wird.

An Seuse muss ich zu Beginn dieser Fastenzeit denken. Wir müssen momentan nicht für den Verzicht sorgen, der wird uns durch die Umstände ganz von selbst auferlegt. Die Herausforderung besteht darin, diesen Verzicht tapfer und zuversichtlich zu ertragen – wenn möglich mit guter Laune und einem aufmunternden Wort für unsere Mitmenschen. Das ist unsere spirituelle Challenge.

Text: Thomas Binotto