Welt der Religionen

Als Jüdin unterwegs in der katholischen Welt

Wann ist die jüdische Minderheit ein integraler Bestandteil der Gesellschaft? Wenn sie nicht mehr auffällt?

Wenn es selbstverständlich geworden ist, dass sie eine unter vielen Bevölkerungsgruppen mit spezifischen Bedürfnissen ist, nicht mehr und nicht weniger? Bei Begegnungen mit der christlich-säkularen «Mehrheit» stosse ich auf offene Ohren, stelle aber auch viel Unwissen fest. Kirchliche Kreise kennen den theologischen Bezug, doch jüdisches Leben im Alltag oder innerjüdische Debatten bleiben weitgehend verborgen. Für andere sind Judentum und Israel identisch. Als ärgerliches Zeichen der Ignoranz empfinde ich die Berichterstattung in den Medien, wenn Redaktionen zur Illustration jüdischen Lebens betende Juden mit Schläfen-locken im schwarzen Kaftan abbilden. Diese Ultraorthodoxen sind eine kleine Minderheit in der Minderheit. Mit solchen Bildern werden Juden gewollt oder ungewollt zum Sonderfall, sprich: kein integraler Bestandteil der Gesellschaft.

Umso erfreulicher sind meine Erfahrungen als jüdische Reporterin für das Katholische Pfarrblatt Bern. Die Redaktion räumt mir Platz für jüdische Themen ein und signalisiert ihr Interesse, mehr über die jüdische Welt mitten unter uns zu erfahren. Dies galt beispielsweise 2016 für eine Serie über die 150-jährige Emanzipationsgeschichte der Juden in der Schweiz mit einem Fokus auf die Rolle der Kirchen. Auch eine Reportage aus dem Haus der Religionen stiess auf grosses Interesse: Dort hatten der Rabbi und der Hindu-Priester einen koscher-ayurvedischen Speiseplan kreiert.

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Dialog in der Küche: Rabbiner Michael Kohn und Hindu-Priester Sasikumar Tharmalingam im Haus der Religionen.

Sehr lehrreich für mich waren und sind Besuche von Gottesdiensten, die mir als Nicht-Katholikin die globale Dimension der katholischen Kirche vor Augen führen: Gebete auf Philippinisch, Spanisch, Brasilianisch und Tamilisch – alle lokal in Bern. Hier wurde mir klar, dass auch sie Minderheiten innerhalb der katholischen Mehrheit bilden und Parallelen zu den jüdischen Gemeinden aufweisen: Die Kirchen und Synagogen dienen nicht nur Gottesdiensten, sondern sind auch Treffpunkt für sozialen und kulturellen Austausch. Erhellend war für mich kürzlich auch ein Interview mit dem Jesuiten Christian Rutishauser, der mir eine Reihe von Gemeinsamkeiten zwischen Juden und Jesuiten aufzeigen konnte.

In Bern bewege ich mich in interreligiösen Kreisen. Die Neugier der Christen aufs Judentum scheint deutlich höher als umgekehrt. Bei den Theologinnen und Theologen überwiegt der Blick aufs biblische Judentum. Der christlich-jüdische Dialog, der sich mit gegen-seitigen Vorurteilen im Alltag auseinandersetzt und auch eine Prävention vor antisemitisch motivierter Gewalt an Juden bedeuten könnte, findet primär ausserhalb der Kirchen statt.

Ich möchte damit den theologisch motivierten Dialog in keiner Weise kleinreden. Mit der Erklärung «Nostra Aetate» des 2. Vatikanischen Konzils über das Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen hat die römisch-katholische Kirche ein Zeichen von unschätzbarem Wert gesetzt. Der vor zehn Jahren eingeführte «Tag des Judentums» ist ein weiterer Meilenstein im Gespräch unter Gleichwertigen.

In einer Zeit des wachsenden Antisemitismus sind zum Schutz der jüdischen Minderheit jedoch auch Allianzen ausserhalb der Kirchenwelt vonnöten – damit die jüdische Minderheit ein integraler Bestandteil der Gesellschaft bleibt.

Text: Hannah Einhaus

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Zum «Tag des Judentums» am 2. Fastensonntag.

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Hannah Einhaus ist freischaffende Journalistin und Historikerin aus Bern. Regel-mässig schreibt sie sowohl für das jüdische Wochenmagazin Tachles als auch für das Katholische Pfarrblatt Bern. Im interreligiösen Dialog präsidiert sie die Christlich-Jüdische Arbeitsgemeinschaft Bern und engagiert sich für eine kritische Erinnerungskultur zur Schweiz im Zweiten Weltkrieg.