Bistum Chur

Kommentar zur Bischofsernennung

Was man vom neuen Bischof erwarten darf – und weshalb das Etikett «Hoffnungsträger» gefährlich ist. Eine Einschätzung von Thomas Binotto.

Drei Tage nach der Ernennung von Joseph Maria Bonnemain zum neuen Bischof von Chur können wir bereits feststellen: Diese Ernennung stösst auf sehr breite Zustimmung. Damit hat der neue Bischof immerhin etwas Rückenwind für seine wichtigste und vielleicht auch schwierigste Aufgabe: Er muss die Katholikinnen und Katholiken im Bistum Chur zu neuer Geschwisterlichkeit zusammenbringen, muss die Lagerbildung aufbrechen, muss Brücken bauen.

Neben der Geschwisterlichkeit drückt Bonnemain in seinem ersten Grusswort auch unser tiefes Bedürfnis nach Hoffnung aus. Es geht ihm allerdings – und das darf nicht übersehen werden – nicht bloss um Geschwisterlichkeit und Hoffnung innerhalb der Römisch-katholischen Kirche. Seine Priorität ist die Geschwisterlichkeit und Hoffnung unter allen Menschen. Für diese Priorität – und dessen ist sich Bonnemain bewusst – kann ein zerstrittenes Bistum keine Hilfe sein. Eine Kirche, die sich um sich selbst dreht, macht sich für diese Welt überflüssig.

Obwohl Bonnemain eindringlich von Hoffnung spricht, sollten wir uns vor dem Etikett «Hoffnungsträger» fernhalten. Wenn man Bonnemain nach seinem Hoffnungsträger fragen würde, dann wäre das unter Garantie «Jesus Christus». Menschen als Hoffnungsträger auf das Podest zu heben, führt zwingend dazu, dass sie früher oder später von diesem Podest gestürzt werden. Weil Menschen eben nicht auf Podeste gehören. Es ist deshalb höchste Zeit, dass auch die Römisch-katholische Kirche ihrer Sprache den spirituellen Hochdruck austreibt.

Nüchterner und auch ehrlicher ist es, von Erwartungen zu sprechen. Wir dürfen an Joseph M. Bonnemain Erwartungen haben, gerade weil ein breites Spektrum von Katholikinnen und Katholiken so positiv auf seine Ernennung reagiert. Seine dringendste Aufgabe als Bischof wird sein, die Bistumsleitung als funktionierendes Team neu aufzustellen und auch zu führen. Damit betritt er Neuland, denn eine Bistumsleitung, die wirklich als Team funktioniert hat, gab es im Bistum Chur fatalerweise noch nie.

Seine dringendste Aufgabe als Bischof wird sein, die Bistumsleitung als funktionierendes Team neu aufzustellen und auch zu führen.

Bonnemain muss die Ämter in der Bistumsleitung mit Menschen besetzen, die miteinander arbeiten. Nicht gegeneinander. Und auch nicht nebeneinander. Das Neuland im Bistum Chur fordert deshalb zwingend einen Neubeginn. Personell muss die Bistumsleitung komplett neu aufgestellt werden. Die Leitung der Generalvikariate in Zürich/Glarus und der Urschweiz sind bereits verwaist. Aber auch das Generalvikariat Graubünden, das Bischofsvikariat und die Kommunikationsstelle brauchen den Neustart.

Bei all den Stellen, die es jetzt und in Zukunft zu bestellen gilt, wird Bonnemain zudem gut beraten sein, wo immer möglich, fähige Frauen in Leitungsfunktionen zu berufen. Der Spielraum ist hier – wie kürzlich das Erzbistum München gezeigt hat – weit grösser als von sogenannten Traditionalisten behauptet. Das weiss natürlich auch der Kirchenrechtler Bonnemain.

Wir haben uns jahrelang einen «Brückenbauer» im Bistum Chur gewünscht. Nun haben wir einen Bischof erhalten, der den Willen und die Fähigkeiten dazu mitbringt. Aber wir dürfen dabei nicht vergessen, dass Brücken immer von zwei Seiten gebaut werden. Und dass auch hier gilt: Es geht nicht um Brücken von Kirchenmitgliedern zu Kirchenmitgliedern. Es geht um Brücken von Menschen zu Menschen.

Text: Thomas Binotto