Leben in Beziehung

Ratgeber-Blues

Ich hätte es wissen müssen! Aber ich konnte meinen Blick in der Quartier-Bibliothek nicht von diesem prominent ausgestellten, signalorangen Buch lösen.

«Das Buch, von dem Du Dir wünschst, Deine Eltern
hätten es gelesen» lautete sein kryptischer Titel. Und vollends triggerte mich die Unterzeile «…und Deine Kinder wünschten, Du hättest es gelesen».
Ich war bestens präpariert für diese Versuchung, denn eine Stunde zuvor hatte es Streit gegeben: der Familienfrühstückstisch war von vier auf drei Teilnehmende geschrumpft, weil die ältere Tochter zwar wach war, aber auch gegen zehn Uhr das warme Kuschelbett immer noch nicht verlassen wollte. Ganz zum Unmut der Mutter, die am Bettrand stand.
Die Tochter hielt dagegen, blass und todmüde zwar, dafür munter auf Krawall gebürstet, weil nach dem bewilligten Ausgang unbedingt noch online am Laptop die eine oder andere Serienstunde angehängt werden musste. Und schon war das Familienfrühstück vergurkt.

Deshalb war es in der Bibliothek um mich geschehen: Das Buch wurde ausgeliehen. Zu Hause auf dem Sofa begann ich zu schmökern. Wohlwollend las ich in der Einführung: «Das Wichtigste am Elternsein ist die Beziehung zwischen Ihnen und Ihrem Kind.» So weit, so gut. Weiter: Authentisch sein, sich auch entschuldigen können, auf die Bedürfnisse der Kinder achten.
Also nächtelang Serien schauen und dafür samstagelang im Bett liegen und schlechte Laune verbreiten? Und was ist mit meinem Bedürfnis nach einem gemeinsamen Frühstück am Samstag, nach einer Woche, in der wir uns alle, wenn überhaupt, nur am Abend gesehen hatten. Zählt das auch?
Ich blätterte weiter quer durch das Buch, las hier und dort. Ich wurde hässig und hässiger. Das Buch brachte mich keinen Schritt weiter. Je länger ich las, desto weniger konnte ich mit den Thesen der Autorin anfangen.
Bin ich also beratungsresistent? Ein Spaziergang mit einer Freundin brachte endlich Erleichterung: Sie lese schon seit der Kleinkinderzeit ihrer Kinder keine Ratgeber mehr. Die würden sie nur ärgern und frustrieren.

Und wie es nun weitergeht? Meine Teenager-Tochter bekam die Ansage, dass nach dem Ausgang sicher kein Serienmarathon angehängt werde – grundsätzlich und never ever.
Und dass Familienmahlzeiten für uns wichtig seien, was für sie nicht direkt eine überraschende Neuigkeit war. Neu ist allerdings: Manchmal frühstücken wir nun zu dritt. Dann gibt es aber Zmittag für vier.

Von Ratgebern jedoch – und sei der Umschlag noch so orange und der Titel noch so verlockend – lasse ich die Finger. Es lebe der Kompromiss und eine gute Freundin!

Text: Kerstin Lenz, Mutter und Informationsbeauftragte des Synodalrats