Schwerpunkt

Weiter Horizont – klare Haltung

Wer ist Joseph M. Bonnemain? – Wir haben bei vier Menschen nachgefragt, die in ganz unterschiedlichen Bereichen mit ihm zusammengearbeitet haben. 

Es war in den 70er Jahren, als Beat Müller, damals Germanistikstudent an der Universität Zürich, Joseph Bonnemain kennengelernt hat. Müller spielte fürs Leben gerne Fussball – Bonnemain nicht. «Ich machte viel Sport, er kaum.» Die beiden begegneten sich im Studentenhaus des Opus Dei. Damals war Bonnemain noch nicht Priester. Er sass an seiner Promo-tion zum Mediziner.

Heute ist Beat Müller ebenfalls Priester im Opus Dei. Er kennt den neuen Bischof von Chur wie kaum ein anderer. Auf die Frage, wie sich Bonnemain in diesen bald 50 Jahren verändert habe, antwortet Müller: «Er hatte damals eine gewisse Neigung zu apodiktischen Aussagen. Aber durch die verschiedenen Aufgaben, die er in all den Jahren für die Kirche übernommen hat, ist er immer differenzierter geworden. Die Begegnungen mit vielen verschiedenen Menschen und Arbeitsbereichen haben ihn sehr geprägt und seine Perspektive immer mehr erweitert. Joseph Bonnemain hat in seinem Leben viel und sehr Verschiedenes gesehen und wahrgenommen.»

In der Begegnung mit Menschen zeigt sich für Müller eine der grossen Stärken Bonnemains: «Es fällt ihm leicht, auf ganz unterschiedliche Menschen zuzugehen. Er will ihren Standpunkt kennenlernen und verstehen. Und er ist dann auch noch fähig, Brücken zu bauen.»

Gerade im Brückenbauen sieht Müller die grösste Herausforderung versteckt, der sich Bonnemain als Bischof zu stellen hat: «Er wird auch Entscheidungen fällen müssen, für die es nicht nur Applaus gibt.» Die teilweise gegensätzlichen Erwartungen, die nun an Bonnemain gestellt würden, seien eine schwere Last, die dem zukünftigen Bischof schon jetzt die eine oder andere schlaflose Nacht bereiteten.

Und wie wird es nun mit dem Einfluss des Opus Dei im Bistum Chur? Müller hält dezidiert fest: «Wir haben weder auf die Bischofsernennung Einfluss genommen, noch werden wir den neuen Bischof instrumentalisieren, auch nicht dann, wenn es um Personalentscheidungen geht.»

Bonnemains Beziehung zum Opus Dei wird sich jedoch durch das neue Amt formal verändern. Bislang war er in der Prälatur des Opus Dei inkardiniert – mit der Bischofsweihe wird er nun zum Priester des Bistums Chur. Mit dem Opus Dei hat er fortan eine Beziehung wie ein berufstätiges Laienmitglied. Das bedeutet: «Das Opus Dei gewährt ihm geistliche Begleitung, redet ihm aber nicht in seine Amtsgeschäfte rein.»

 

Ein wesentlicher Faktor für die Erweiterung der Perspektive, die Müller bei Bonnemain beobachtet hat, war 2002 dessen Berufung ins Fachgremium «Sexuelle Übergriffe in der Pastoral» der Schweizer Bischofskonferenz. Mehrere unabhängige Quellen berichten, dass ihn die Verbrechen, begangen durch Vertreter der Kirche, tief erschüttert haben und immer noch erschüttern. Sein Engagement gegen sexuellen und geistlichen Missbrauch wird innerhalb und ausserhalb der Kirche als glaubwürdig und zielstrebig geschätzt.

Eva Zimmermann, Fachpsychologin für Psychotherapie, hat mit Bonnemain die letzten vier Jahre im Fachgremium der Bischofskonferenz zusammengearbeitet: «Er war derjenige, der die Fäden zusammengehalten hat und der immer klar wusste, welche Themen wir weiterführen müssen. Da er das kirchliche Umfeld sehr gut kennt, konnte er in diesem Thema wirklich Führung übernehmen.»

Sie bedauert Bonnemains Rückzug aus dem Gremium sehr: «Es geht uns Wissen und Kompetenz verloren und ebenfalls ein sehr liebenswerter Mensch. Da ich die Zusammenarbeit mit ihm sehr geschätzt habe, bedaure ich das. Es wird eine Herausforderung sein, jemanden zu finden, der ihn ersetzen kann.»

Zimmermann ist jedoch überzeugt, dass die Aufklärung und Verhinderung von sexuellem und geistlichem Missbrauch für Bonnemain auch als Bischof ein Herzensanliegen bleiben wird.

 

Diese Einschätzung teilt Thomas Lichtleitner, Gemeindeleiter in Opfikon-Glattbrugg und Diözesanrichter. Am Diözesangericht war Joseph Bonnemain als Offizial in den vergangenen elf Jahren sein Chef.

Wie hat er Bonnemains Führungsstil erlebt? «Er lässt viele Freiheiten, anerkennt die Fähigkeiten des Gegenübers, kann sehr gut zuhören und sucht, wenn immer möglich, den kollegialen Entscheid. Er setzt also auf viel Eigen- und Mitverantwortung.» Bereits bei der ersten Begegnung, die über zwanzig Jahre zurückliegt, hatte Bonnemain auf Lichtleitner einen sehr offenen, aber auch verbindlichen Eindruck gemacht. Als rigiden Richter hat er ihn nie erlebt: «Aber rigiden Kirchenrechtlern bin ich ohnehin selten begegnet, eher rigiden Menschen, die sich auf das Kirchenrecht berufen, ohne es eingehend studiert zu haben.»

Lichtleitner schätzt bei Bonnemain Fähigkeiten, die für einen Kirchenrichter eine Voraussetzung sind – und ihm nun auch als Bischof zugute- kommen: «Er bringt allen Menschen viel Respekt entgegen, wahrt und schützt die Grenzen der anderen.» Es gehe Bonnemain nicht um das Ausspielen unterschiedlicher Positionen, sondern um das Gewinnen einer Gesamtsicht. Wenn dies erreicht sei, könne er aber auch klar entscheiden: «Er nimmt Führung wahr. Entscheidet, wenn entschieden werden muss. Und übernimmt für diese Entscheidung die Verantwortung.»

 

Bonnemain hat in den vergangenen Jahren viele Funktionen wahrgenommen. Immer kompetent und vielseitig geschätzt. Ganz besonders liegt ihm jedoch die Begleitung kranker Menschen am Herzen. Seit 35 Jahren ist er Spitalseelsorger am Limmatspital, keine andere Aufgabe hat er so lange übernommen.

Seine reformierte Kollegin im Limmatspital, Pfarrerin Annegret Bortlik, meint dazu: «Was mich sehr beeindruckt ist, dass er wirklich Tag und Nacht erreichbar ist über sein Handy. Er ist bereit, mitten in der Nacht ins Spital zu kommen. Wir haben auch im ökumenischen Miteinander eine sehr unterstützende Weise, miteinander zu arbeiten. Im Rahmen seiner Möglichkeiten – er hat ja sehr viele Aufgaben – ist er jederzeit bereit, in der Not einzuspringen für uns, genauso wie wir für ihn.»

Und sie gibt ihm als reformierte Pfarrerin einen Wunsch mit auf den Weg, den wohl alle Katholikinnen und Katholiken im Bistum Chur beherzigen sollten: «Zweifellos ist er ein Mensch mit Rückgrat, der trotzdem beweglich ist, der andersdenkende Menschen respektiert und integriert. Ich wünsche ihm, dass er diese Beweglichkeit behalten kann. Gleichzeitig werden jetzt sehr hohe Erwartungen an ihn gerichtet. Da wünsche ich allen Beteiligten, dass ihnen klar ist, dass niemand diese wird erfüllen können. Auch er nicht. Ich habe erlebt, dass er den Weg der Barmherzigkeit mit seinem Gegenüber geht. Jetzt braucht er Menschen, die ihm diesen Weg in diesem schwierigen Amt ermöglichen, die umgekehrt auch seine Haltung und die Sachzwänge respektieren. Das heisst: Ich wünsche ihm, dass die Menschen ihn und seine Situation realistisch einschätzen.»