Narrenschiff

Chat auf – Ohren zu!

Was ist die erste Frage, die bei einem Online-Referat gestellt wird? – Sie lautet selbstverständlich: «Gibt es ein Manuskript zum Referat?»

Und diese Frage wird blitzschnell gestellt, noch während die Referentin Luft für ihren ersten Satz holt.

Solche Fragen werden über den Chat gestellt. Bevor es mit dem Zuhören ernst wird, soll bereits gesichert sein, dass Zuhören nicht nötig ist. Deshalb braucht es den Chat. Hier gewinnt man wertvolle Zeit, weil man sich simultan ins Wort fallen kann. Und hier verliert man keine Zeit damit, einander ausreden, ausschreiben und ausdenken zu lassen. Im Chat ist der Schnelltipper König.

Wer spricht, wird im Chat bereits korrigiert, bevor sie verstanden wurde. Bevor man sich Gedanken darüber macht, was sie wohl gemeint hat, klopft man ihr bereits auf die Finger. Früher mussten sich Besserwisser mit ihren als Frage getarnten Belehrungen bis nach dem Referat gedulden. Dank Chat herrscht jetzt die permanent rollende Manöverkritik. Deren Resonanz im Chat jedoch auch gleich flöten geht.

Dass Robert im Chat gerade sein Besserwissen anbietet, kriegt Sabine nämlich nicht mit, weil sie gerade Christian anpeilt, von dem sie seit Urzeiten nichts mehr gehört hat: «Wir sollten uns wieder mal auf ein Bier treffen.»

Daraus wird jedoch nix, weil Christian offline ist und eben mal kurz seine Mails checkt.

Weil Sabine aber ihre Nachricht versehentlich an alle Konferenzteilnehmerinnen gleichzeitig gesendet hat, könnten sich theoretisch auch Ueli, Brigit oder Tamara für das Feierabendbierchen bewerben.

Pascal allerdings nicht, denn er setzt parallel zu Sabine einen Hilfeschrei nach dem anderen ab: «Mein Ton funktioniert nicht! – Kann mir jemand helfen!! – Hört mich jemand!!! – Irgendwo!!!!»

Um es vorwegzunehmen: Niemand hört Pascal.

Dafür hören wir Rahel, die am Handy ihren Robert, diesen Klugscheisser, zusammenfaltet. Rahels Konferenzmikro funktioniert ganz prima. Und Robert erleidet seinen ersten Gehörsturz.

Wo bleibt in diesem lärmigen Reigen des Weghörens die Pointe?

An meiner letzten Online-Konferenz wurde besonders intensiv über die Notwendigkeit des aufmerksamen Zuhörens …

Ja, was denn nun?

… gechattet halt.

Text: Thomas Binotto