Editorial

Ostern ist ein Segen für alle

Es gibt in der Bibel ein Anti-Ostern: Gott selbst ordnet das grosse Strafgericht an und ist nahe dran, der gesamten Menschheit seinen Segen radikal zu entziehen.

TextErst beim Blick in den Abgrund der Sintflut erkennt Gott, dass er selbst in die Irre gegangen ist. In letzter Minute sichert er das Überleben seiner Schöpfung und nach überstandener Katastrophe gesteht er ein, dass dieses Strafgericht ein Fehler war. Gott hat die Grösse, seine eigene Fehlbarkeit ein-zugestehen. Und er schliesst mit der Schöpfung einen neuen Friedensbund. Geradezu reumütig betont er dreimal, dass dieser Bund für alle lebenden Wesen gilt. Als Zeichen dafür schickt er einen Regenbogen und sagt dazu: «Dieser Bogen ist das Zeichen für den Bund, den ich jetzt mit allen lebenden Wesen schliesse.»

Ja, der Segen Gottes ist unverfügbar. So bibelfest müsste eigentlich auch die Glaubenskongregation sein, die homosexuelle Paare vom Segen Gottes ausschliessen will. Auch sie hat nicht darüber zu befinden, wen der Segen Gottes erreichen darf und wen nicht. Der Segen wird von Gott selbst allen lebenden Wesen gespendet. Dieser Segen spaltet nicht und schliesst nicht aus, weil Gott erkannt hat, dass Ausschluss und Selektion ins Unheil führen.

Wir glauben an den Segen Gottes. Wir wollen dafür Zeugnis ablegen. Und wir erzählen allen lebenden Wesen, dass es diesen Segen gibt. Aber wir spenden diesen Segen nicht, denn der Segen kommt direkt aus Gottes Fülle zu allen lebenden Wesen. In exklusiver Dosierung für selbst ernannte Treueste ist Gottes Segen nicht verfügbar.

Genau das feiern wir an Ostern. Den unbedingten, den bedingungslosen Zuspruch Gottes. Wir Christen haben nicht darüber zu befinden, wer Ostern feiern darf und wer nicht. Ostern feiert, wer Ostern feiern will. Der österliche Segen ist unverfügbar. Er ist ein Bund, den Gott mit allen lebenden Wesen schliesst.

Text: Thomas Binotto