Der Traum von einem besseren Morgen

Bericht aus Jerusalem

Der Traum von einem besseren Morgen

Ein Jahr nach den Explosionen im Hafen von Beirut (4. August 2020) geht es dem 
Libanon so schlecht wie vielleicht noch nie in seiner Geschichte. 

 Zwar läuft der Wiederaufbau der zerstörten Gebiete im Herzen seiner Hauptstadt einigermassen. Zu verdanken ist dies aber privatem und zivilem Engagement. Der Staat glänzt zynisch durch Abwesenheit. Jene, die seit Jahren und Jahrzehnten die politische Macht und die Ressourcen des Landes unter sich aufteilen, streiten stattdessen weiterhin über die Zusammensetzung einer neuen Regierung. Die alte, die selbst kaum älter als ein halbes Jahr alt wurde, war nach der Katastrophe zurückgetreten. Und wieder liegt der Ball bei Saad Hariri, jenem also, den das Volk durch anhaltende landesweite Proteste im Oktober 2019 zum Rücktritt als Ministerpräsident brachte. Nur ist seither alles noch schlechter geworden im Land. Das libanesische Pfund hat rund 90 Prozent seines Werts verloren, die Devisenvorräte sind erschöpft, es fehlt an vielem: Strom, Treibstoff, Medikamenten. Von einer der schlimmsten Wirtschaftskrisen der letzten 150 Jahre spricht die Weltbank. Armut und Hunger sind auf dem Vormarsch. Wer kann, der geht. 

Während die Weltöffentlichkeit längst nicht mehr so genau hinschaut und traditionelle westliche Partner des Libanon sich an der Beratungsresistenz der herrschenden Klasse die Zähne auszubeissen scheinen, rief Papst Franziskus am 1. Juli zu einem Libanon-Gipfel nach Rom. Unter dem Titel «Gemeinsam für den Libanon» sollte durch Gebet und Beratungen die Aufmerksamkeit auf die prekäre Lage unter den Zedern geleitet werden. Das Land sei ein Bollwerk des friedlichen Zusammenlebens der Religionen und Garant des Christentums in Nahost, begründete der Vatikan seinen Vorstoss. Kirchenführer, katholische, orthodoxe und protestan-tische, tagten und beteten gemeinsam mit dem Papst, der forderte, dass der Libanon ein Friedensprojekt bleiben müsse. 

In den Strassen Libanons entladen sich unterdessen immer wieder Wut, Verzweiflung und Frustration. Hinterbliebene der mehr als 200 Opfer vom 4.  August 2020 warten weiterhin auf Antworten. Irdische Kräfte seien nicht länger nützlich, Worte überholt und Pläne ohne Gebrauchswert machten die Sache nur noch schlimmer, bewertete der Generalsekretär des ökumenischen «Kirchenrats des Nahen Ostens», Michel Abs, die Lage in seiner libanesischen Heimat. Gerade deswegen müsse jetzt auf die Macht zurückgegriffen werden, die darin liege, sich an den Schöpfer zu wenden. Kontemplation und Gebet als Erinnerung daran, dass nur die Macht des Allmächtigen ihnen den Anstoss geben werde, von einem besseren Morgen zu träumen – und mit dem Bau dieses Morgens zu beginnen.

Als «Fahrplan» für den Weg aus den multiplen Krisen des Libanon bezeichnete der Chef der zahlenmässig bedeutendsten Kirche im Libanon, Maronitenpatriarch Kardinal Bechara Rai, die Aufrufe des Papstes. Der wiederum würde am liebsten noch in diesem Jahr in den Libanon reisen, vorzugsweise aber erst, wenn das Land eine neue Regierung hat. Damit würden sich gleich zwei Träume vieler Libanesen erfüllen – von denen einer deutlich realistischer scheint als der andere.

Text: Andrea Krogmann