Ein Abend und ein Tag mit «Chemin Neuf»

Reportage

Ein Abend und ein Tag mit «Chemin Neuf»

Was steckt hinter der Gemeinschaft, die sich um den Wallfahrtsort Ranft 
kümmert – und in der katholische, reformierte, evangelische, anglikanische, 
freikirchliche und orthodoxe Christinnen und Christen miteinander leben?

Der Himmel über Obwalden ist verhangen. Ab und zu reisst er auf und zeigt ein Stück von der Kulisse, vor der das Kloster Bethanien steht. Auf der Hochebene ob Kerns wohnen seit den Dreissigerjahren die Dominikanerinnen von Bethanien. Der Klosterbau stammt aus den Siebzigerjahren und ist eigenwillig schön. Die grosse Kapelle hat Schindeln wie Federn und ein Giebeldach, das beinahe abhebt. Seit 2012 leben auch sieben Mitglieder der Gemeinschaft «Chemin Neuf» in diesem Kloster.

Im Gästehaus ist gerade eine Wandergruppe einquartiert. Es ist die dritte Wanderwoche in diesem Jahr und steht unter dem Motto: wandern und beten. Die meisten Teilnehmenden kommen aus Deutschland und Frankreich, einige aus der Schweiz. Viele von ihnen sind Mitglieder von «Chemin Neuf» oder gehören dem Bund «Chemin Neuf» an, der die Gemeinschaft unterstützt. Ich geselle mich für einen Abend und einen Tag zur Gruppe, um «Chemin Neuf» kennen zu lernen.

Um 18 Uhr, eine halbe Stunde vor dem Nachtessen, beginnt die Anbetung in der Kapelle. Ein Programmpunkt auch für die Wandergruppe. Besonders wichtig seien ihnen die ignatianischen Exerzitien, sagt Silvère Lang: «Der Jesuitenorden ist der grosse Bruder unserer Gemeinschaft.»

Silvère und seine Frau Anny Lang sind seit 1991 bei der Gemeinschaft «Chemin Neuf». Sie betreiben seit 2017 das Gästehaus Bethanien. Zuvor lebte das Ehepaar aus Frankreich mit seinen vier Kindern in Berlin.

Aktiv für die eigene Paarbeziehung

Sie organisieren unter anderem die «Kana»-Veranstaltungen. Der Name Kana spielt auf die biblische Geschichte der Hochzeit in Kana an. Angesprochen sind Paare, mit und ohne Kinder. Silvère Lang erklärt es so: «Es geht darum, Gott als dritte Person in die Paar-Beziehung zu integrieren.» Wenn die erste Verliebtheit vorbei sei, bräuchten Paare oft Unterstützung, um an ihrer Beziehung festzuhalten. «Kana» schaffe Raum, um sich füreinander Zeit zu nehmen und auch mit anderen Paaren über Wesentliches zu sprechen.

Tobi ist im Pensionsalter. Mit seiner Frau habe er viele «Kana»-Veranstaltungen besucht. Monatlich hätten sie sich mit anderen Paaren getroffen und ausgetauscht. Die «Kana»-Wochenenden seien auch bei ihren Kindern sehr beliebt gewesen, weil sie dort unter sich gewesen seien.

Nach dem Essen trifft sich die Wandergruppe um 20 Uhr zum Lobpreis. Pater Hasso spielt die Gitarre gekonnt. Früher, bevor er fromm gewesen sei, habe er Beatles-Lieder gespielt, sagt der Bayer, der gerade vom Oktoberfest in München zurückgekehrt ist.

Zerbrechliches finanzielles Gleichgewicht

2012, bei der Übernahme des Gästehauses, habe die Gemeinschaft viele Schulden übernommen, sagt Silvère Lang. Es sei ihnen aber gelungen, das Loch zu stopfen. «Heute haben wir ein zerbrechliches Gleichgewicht bei den Finanzen.» Die Gemeinschaft hält den Betrieb aufrecht, zusammen mit 17 Angestellten in der Küche, Hotellerie, im Garten und im Sekretariat.

Mitglieder von «Chemin Neuf» erkennt man an den beigen, braunen und weissen Kleidern. Einige tragen ein hölzernes Kreuz an einem Lederband. Silvère Lang sagt: «Braun symbolisiert die Erdverbundenheit, weiss die Verbindung zum Himmel.» Bei der Liturgie tragen sie eine Albe. Am nächsten Morgen allerdings sind die Kleider von Silvère und Anny Lang farbig. Jetzt muss die Bekleidung vor allem funktional sein – denn das Wetter ist noch schlechter als gestern.

Gott ist in allen Dingen

Im klostereigenen Bus fahren wir auf die gegenüberliegende Talseite. Als die Gruppe aus dem Bus steigt, prasselt ein Graupelschauer. Anny verteilt Früchtestängel und Silvère Lang gibt der Gruppe einen Impuls mit auf den Weg: «Gott ist in allen Dingen.» Dann marschieren wir los.

Nach einer guten Stunde treffen wir auf einen Stall. Die Tiere haben die Alp schon verlassen. Durch eine schmale Luke dringt Licht in den Raum. Rémy, ein Mitglied der Gemeinschaft aus Frankreich, teilt seine Gedanken zu Laudato Si’. «Loben ist für mich ein Imperativ», sagt Rémy mit breitem französischem Akzent. Loben auch dann, wenn einem gar nicht danach zu Mute ist?

Beim Gipfelkreuz auf dem Jänzi angekommen, eröffnet sich eine weite Rundumsicht mit Seen, satten Wiesen und schneebezuckerten Berggipfeln. Pater Hasso macht sich bald an den Abstieg. Er geht voraus und feuert in einer Hütte ein. «Wir machen heute eine Tischmesse», sagt er schelmisch – wer wolle, könne versuchen zu knien.

Die Hostienschale und der Kelch gehen von Hand zu Hand. Nach der Eucharistiefeier ist das Schweigen zu Ende. Jetzt essen wir unsere selbst belegten Brote und wer seine Thermoskanne nicht vergessen hat wie ich, hat sogar warmen Tee dabei. Zum Glück teilt Rémy seinen Kaffee mit mir.

Aktives Glaubensleben und Einheit der Christen

«Ich möchte ein aktives Glaubensleben führen, nicht nur am Sonntag in die Kirche gehen», sagt Albert auf dem sumpfigen Abstieg. Seine Frau war früher bei der Gemeinschaft dabei. Nach der Heirat hat das Paar beschlossen, dem Bund beizutreten, bei dem weniger Regeln befolgt werden müssten als in der Gemeinschaft.

Albert findet es wichtig, dass sich die Mitglieder von «Chemin Neuf» im Speziellen für die Einheit der Christen engagieren. Das mache eine Besonderheit der Gemeinschaft aus.

Bruno ist seit einem Jahr Pastoralassistent in einer Zürichsee-Gemeinde. Ihm gefällt die freie Form des Betens der Gemeinschaft. Er steht auch in Kontakt mit den Mitgliedern der Fokolar-Bewegung und schätzt den regelmässigen Austausch über Themen des Glaubens mit anderen Paaren.

Der Bethanien-Bus ist in Sichtweite und somit eine Sitzgelegenheit im Warmen. Nach Regen, Schnee, Wind und Sonne spannt sich ein leuchtender Regenbogen zur anderen Talseite auf. Müde und staunend fahren wir zurück zum Kloster Bethanien.

Text: Eva Meienberg, kath.ch